Praktische Politik

Am 27. Januar, dem 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, sprach Israels Präsident Shimon Peres im Bundestag. Als er geendet hatte, standen die Anwesenden auf und applaudierten - bis auf die Linke-Abgeordneten Sevim Dagdelen, Christine Buchholz und Sahra Wagenknecht. Damit es über ihre Absicht kein Mißverständnis gebe, veröffentlichte jede von ihnen eine Erklärung. Wagenknecht schrieb: „Daß ich … nicht an den stehenden Ovationen teilgenommen habe, liegt darin begründet, daß ich einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen kann.“ 

Ich hätte sie gern gefragt, welchen Krieg sie meint: den von 1948 oder den von 1967? Oder vielleicht Peres´ Rolle bei der Befreiung der jüdischen Geiseln von Entebbe? Ein Interview zu dem Thema wollte Wagenknecht nicht geben. So konnte ich nicht in Erfahrung bringen, ob Israel ihrer Meinung nach irgendein  Recht hat, seine Bürger zu verteidigen; wer ihrer Meinung nach den Gazakrieg begonnen hat; ob ihr bekannt ist, daß die Charta der Hamas die Ermordung aller Juden fordert; wie viele Menschen ihrer Schätzung nach im Gazastreifen durch Sprengfallen, Granaten und Gewehrfeuer der Hamas ums Leben gekommen sind; und ob Wagenknecht, die ihren Parteifreund Klaus Lederer für dessen Teilnahme an einer Solidaritätsveranstaltung für Israel kritisiert hat, auch die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz rügen würde, die nach eigenem Bekunden auf der Seite der Völkermordorganisation Hisbollah steht. 

Großes Lob bekam Sahra Wagenknecht inzwischen vom sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel: „Ausgerechnet während der Rede des israelischen Staatspräsidenten hat Sahra Wagenknecht, die demnächst für das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden kandidieren will, das antiimperialistische Erbe der Linken wiederentdeckt“. Die NPD habe „solche Canossa-Veranstaltungen immer sofort verlassen“. Aber „im Blickkontakt mit einem jüdischen Redner, der von deutschen Politikern nur den Kriechgang und die Anerkennung von ,Kollektivschuld´ und ,Erbschuld´ kennt, den Betroffenheitsapplaus zu verweigern“, habe „noch eine andere tabubrecherische Qualität“. 

Besser hätte es also auch der Nazi nicht machen können, wenn er an Wagenknechts Stelle im Bundestag gesessen hätte. Woran man in einem Interview die Frage knüpfen könnte, wem Wagenknecht, was die Außenpolitik betrifft, näher steht: Lederer oder Gansel? Zugegeben: Die Frage erübrigt sich, wenn man dieses ältere Statement von Wagenknecht liest: „Was immer man von der … Hamas hält, wie immer man demzufolge ihre praktische Politik bewertet, Selbstmordattentate und den Raketenbeschuß Südisraels inbegriffen: Nichts rechtfertigt…“ usw. Über Judenmord kann man also geteilter Meinung sein. Das ist praktische Politik.

 

Erschienen in "konkret" 3/2010