„Genetisch ein
Faschist“
Das Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika bedeutet nicht, daß das Zeitalter der Vernunft angebrochen wäre - das zeigt das Beispiel Venezuela.
Seit ihrer Unabhängigkeit
wurden die Länder Lateinamerikas meist von Diktatoren beherrscht, die durch
einen Staatstreich an die Macht gekommen waren - oder aber es waren Männer, die
demokratisch gewählt worden waren, sich dann aber entschieden, daß sie für
das Land zu wichtig seien, als daß sie die Macht wieder abgeben könnten.
Wahlen wurden gefälscht, Kandidaten eingeschüchtert oder umgebracht.
Und selbst wenn augenscheinlich alles demokratisch zuging, hing doch über
jeder Regierung ein Damoklesschwert: Würde sie sich mit den Großgrundbesitzern,
der Armee oder mächtigen ausländischen Konzernen anlegen, könnte sie schnell
gestürzt werden.
Der Großgrundbesitz
verhinderte jede wirtschaftliche und soziale Entwicklung, und die
Staatsausgaben, die notwendig waren, um die herrschende Ordnung aufrecht zu
erhalten, taten das übrige. „Die Kluft, die sich in Lateinamerika zwischen
dem Wohlstand einiger weniger und der Misere der großen Mehrheit auftut, ist
unendlich viel größer als in Europa oder den Vereinigten Staaten. Die
Methoden, um diese Distanz zu erhalten, sind deshalb umso drastischer. Brasilien
besitzt eine riesige, bestens ausgerüstete Armee, für die Erziehung sind
dagegen nur fünf Prozent des Staatsbudgets vorgesehen. In Uruguay wird momentan
die Hälfte des Budgets von Militär und Polizei geschluckt; ein Fünftel der
aktiven Bevölkerung hat zur Aufgabe, den übrigen Teil zu überwachen, zu
verfolgen oder zu bestrafen“, schrieb der uruguayische Schriftsteller Eduardo
Galeano 1977 im Nachwort zur Neuauflage seines Buches Die offenen Adern
Lateinamerikas.
Heute gibt es in Lateinamerika
keine Militärregierungen mehr, und wenn Menschen umgebracht werden, geschieht
dies meist aus eher unpolitischen Gründen. Anders als manche gedacht hatten,
bedeutet das Ende der rechten Diktaturen allerdings nicht den Sieg von Vernunft
und Humanität. Das sieht man am besten an Venezuela.
Als Hugo Chávez 1998 an die
Macht kam, versprach er, das korrupte, nur den Bedürfnissen der Oligarchie
dienende Zweiparteiensystem durch echte Demokratie zu ersetzen und die Armut zu
bekämpfen. Im Rahmen der Mission „Barrio adentro“ sollte durch den Einsatz
tausender kubanischer Ärzte die medizinische Versorgung der Bevölkerung
verbessert werden. Anfangs wurden auf diesem Gebiet weltweit beachtete Erfolge
erzielt. Sie waren leider flüchtig. Die Petrodollars gibt Chávez inzwischen am
liebsten für Waffenkäufe aus, das Gesundheitssystem lässt er verfallen. Im
September 2009 gab er zu, daß 2000 (!) Barrio-Adentro-Kliniken geschlossen
seien. Das habe er durch einen Telefonanruf von Fidel Castro
erfahren. - - - Castro war also in seinem Bett in Havanna besser informiert über
das Elend in Venezuela als dessen Präsident, und werde, wie Chávez ebenfalls
mitteilte, ein Team von Inspekteuren schicken. Das wird einiges zu berichten
gehabt haben: Als im September in der im Norden des Landes gelegenen Stadt
Clarines nach einem Unfall hochgiftiges Chlorin austrat, wurden neun Menschen
getötet und hunderte verletzt. Das örtliche Krankenhaus war darauf nicht
vorbereitet, denn es hätte „schon vor zehn Jahren“ renoviert werden müssen,
wie der Leiter der Klink einer Zeitung sagte. Solche Renovierungen werden in
Venezuela geplant, aber nicht begonnen - oder begonnen, aber nicht beendet.
Eine jährliche Inflationsrate
von 30 Prozent läßt immer mehr Menschen verarmen, Milch, Fleisch und Eier sind
vielerorts kaum zu bekommen. Die Gewaltkriminalität ist extrem. Nirgendwo sonst
in Lateinamerika ist das Risiko, ermordet zu werden, so hoch wie in der
venezolanischen Hauptstadt Caracas. 20 Prozent aller Verbrechen werde von
Polizisten begangen, schätzt Innenminister Tarek El-Aissami. Die sind sehr
schießfreudig: Jeden Monat werden in Venezuela 70 bis 80 Menschen von
Sicherheitskräften umgebracht.
Im Dezember mußte Chávez
zugeben, daß einige seiner Freunde in Wirtschaftskriminalität involviert sind.
Wissenschaftsminister Jesse Chacon trat zurück, nachdem sein Bruder, der Chef
einer großen Bank, von der Geheimpolizei wegen Betrugs festgenommen worden war.
Die Chacon-Brüder waren langjährige Vertraute von Chávez. Sie hatten im
November 1992 erfolglos einen Staatstreich begonnen, neun Monate nach dem
gescheiterten Putschversuch des damaligen Armeeoffiziers Hugo Chávez. Vor
Chacon war bereits ein anderer ehemaliger Chávez-Günstling festgenommen
worden: der Milliardär Ricardo Fernandez Barrueco, der sein Vermögen durch die
Belieferung der staatlichen Lebensmittelläden vermehrt hat. „Boligarchie“
oder „Boli-Bourgeoisie“ werden die durch ihre Beziehungen zu Chávez´
„Bolivarischer Revolution“ reich Gewordenen in Venezuela auch genannt.
Hugo Chavez, der östlich von
Caracas ein Filmstudio hat bauen lassen (das er La Villa del Cine getauft
hat, in Anlehnung an Mussolinis Cinecitta) und Zeitungsberichten
zufolge ein persönliches Budget von 1,5 Milliarden US-Dollar hat, von denen er
84.000 Dollar für Parfüm, Cremes und Seife ausgebe, fordert die Bevölkerung
immer wieder zum Sparen auf. Seit Mitte Dezember wird in Caracas für bis zu 48
Stunden pro Woche das Wasser abgestellt. Warum? Es gebe Leute, sagte Chávez in
seiner regelmäßig auf allen staatlichen und privaten Kanälen ausgestrahlten
Fernsehshow, die „eine halbe Stunde lang duschen“ und „dabei singen“ würden.
Das sei nicht hinzunehmen - drei Minuten seien genug. Die Venezolaner sollten außerdem
nicht das Licht einschalten, wenn sie nachts aufs Klo gehen, sondern eine Kerze
anzünden, so Chávez. Denn auch der Strom fällt regelmäßig aus. Seit 2007
hat es ein halbes Dutzend landesweite Stromausfälle gegeben, Häuser in ländlichen
Gegenden sind vier Stunden am Tag ohne Elektrizität, die Industrie muß mit
reduzierter Stromzufuhr zurechtkommen. Die chronische Lebensmittelknappheit in
seinem Land hält Chávez für nicht so schlimm: Die Bevölkerung sei ohnehin zu
dick. Chefkoch Chávez empfiehlt: Reisnudeln und Sojamilch.
Der größte Arbeitgeber ist in
Venezuela der Staat. In der vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB)
erstellten Jährlichen Übersicht über die Verletzung von
Gewerkschaftsrechten 2009 heißt es über das Land: „Das Recht auf
Tarifverhandlungen sowie das Streikrecht werden zunehmend geschwächt ... Die
Kriminalisierung von Arbeiterkundgebungen und Protesten sowie Eingriffe der
obersten Wahlbehörde CNE in gewerkschaftsinterne Wahlen haben zu einem weiteren
Verlust der Gewerkschaftsautonomie geführt.“ Mit Hilfe von weitreichenden
Kontrollbefugnissen und Kriminalisierungsmöglichkeiten versucht das Chávez-Regime,
Gewerkschaften, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und höhere
Löhne einsetzen (angesichts der rapiden Geldentwertung ein besonders wichtiges
Thema) zu unterdrücken und durch staatstreue Gewerkschaften zu ersetzen. Wahlen
von Gewerkschaftsvertretern müssen von der staatlichen CNE angesetzt und
abgesegnet werden, solange das nicht passiert ist (was lange dauern kann), ist
ihnen jede Betätigung untersagt, selbst wenn ein Tarifvertrag in dieser Zeit
ausläuft. Als „besonders besorgniserregend“ bezeichnet der IGB-Bericht die
Artikel 357 und 360 innerhalb der Strafrechtsreform, die Kundgebungen und
Streiks, die mit der Lahmlegung eines Betriebs verbunden sind, unter Strafe
stellen und immer wieder zur Verhaftung von streikenden Arbeitern führen.
Selbst wenn ein Abkommen bereits unterzeichnet ist, bedeutet das in Venezuela übrigens
nichts. Die Angestellten der Metro von Caracas, die im Sommer 2009 auf der
Einhaltung eines Tarifvertrages pochten, disziplinierte Chávez, indem er mit
dem Einsatz der Armee drohte. Arbeiter, die Forderungen stellen, mag er nämlich
gar nicht. In seiner TV-Show sprach er einmal vom „Gift der
Gewerkschaftsautonomie“: „Wir benötigen den Arm, die Partei und die
Gewerkschaften, aber nicht jede Organisation für sich, nicht autonom. Mit den
Gewerkschaften geschieht dasselbe wie mit den Parteien, die Autonomie anstreben
und Entscheidungen treffen wollen; das kann so nicht sein, wir sind nicht
gekommen, um Wirrwarr zu machen, sondern eine Revolution.“
Im April 2007 erklärte der
schon erwähnte Jesse Chacón, seinerzeit Minister für Telekommunikation und
gleichzeitig Präsident der kurz zuvor verstaatlichten
Telekommunikationsgesellschaft CANTV, seinen Beschäftigten:
„Jetzt sind Sie alle
Angestellte des revolutionären Staates und müssen Ihre Rechte den Interessen
der Revolution unterordnen, und wer damit nicht einverstanden ist, hat die
Freiheit, das Unternehmen zu verlassen.“
Der wichtigste Pfeiler der
chavistischen Ideologie ist der Antisemitismus. Gibt man bei der führenden
pro-chavistischen Internetseite aporrea.org (sie wurde im Mai 2002 gegründet,
die Abkürzung steht für „Asamblea Popular Revolucionaria“) das Suchwort
„judío“ (Jude) ein, stellt man fest, daß das Magazin nichts anderes ist
als „Der Stürmer“ im neuen Gewand, und der „Sozialismus des 21.
Jahrhunderts“ in Wahrheit der Nationalsozialismus des 21. Jahrhunderts.
Die Juden würden die Welt beherrschen und hätten das „Holocaust-Märchen“
erfunden, um die Menschheit noch effektiver zu unterdrücken, so die immer
wiederkehrende Behauptung.
In einem Beitrag mit dem Titel
„Juden jagen“ (9.1.2009) heißt es: „Einen Juden zu jagen sollte ein Werk
von Frieden und Liebe sein. Fange jeden Juden, den du jagst, mit einem Netz aus
Liebe und Zuneigung. Sag ihm, daß wir Menschen wissen, daß sie auch zu
Menschen werden können und daß sie, wenn wir dieses edle Ziel erreichen, in
der Lage sein werden, Respekt, Liebe und die Gefühle der Solidarität und der
Liebe zu haben.“
Ein „Aporrea“-Autor
fordert, die Geschäfte venezolanischer Juden zu boykottieren – Geld sei
„diesen hebräischen Zionisten“ wichtiger als alles andere („inklusive
Jehova“). Zudem solle man Juden auf der Straße anhalten und zwingen, Slogans
„für Palästina“ und „gegen den künstlichen Staat Israel“ zu rufen.
In einem anderen Artikel werden
die 15.000 in Venezuela lebenden Juden als Gefahr für die Sicherheit des Landes
dargestellt: „Ein zionistischer jüdischer
Deutscher, Venezolaner, Chilene oder Amerikaner ist zuallererst loyal zum Staat
Israel.“ Das zeige sich schnell, wenn es zu einem Konflikt zwischen dem
jeweiligen Staat und Israel komme. Gleich nachdem Chávez Anfang 2009 „in
einem mutigen Schritt“ den israelischen Botschafter ausgewiesen habe, hätte
„eine gute Zahl von venezolanischen Juden“ sich auf die Seite Israels
gestellt. Der Autor warnt: „Sollte es jemals, aus welchen Gründen auch immer,
zu einem Konflikt zwischen Venezuela und Israel kommen, werden wir unter dieser
Loyalität zu leiden haben.“ Diese Situation sei schon „ernst genug“,
werde aber dadurch verschlimmert, daß „zionistische Juden die große Mehrheit
der Finanzunternehmen“ kontrollierten. Es sei bekannt, daß Lehman Brothers
vor dem Bankrott noch „400 Milliarden Dollar“ an „israelische Banken“ überwiesen
hätte. Da sei es kein Wunder, daß Israel der einzige westliche Staat sei, der
die Folgen der Finanzkrise nicht spüre (dies ist offenbar die chavistische Form
der mittelalterlichen Theorie von den Juden, die angeblich nicht an der Pest
erkrankten, weil sie selbst die Brunnen vergiftet hätten).
Wie sich denken läßt,
verharrt der Judenhaß nicht bei Worten. Im Februar und im Juni 2009 wurde in
Caracas die Synagoge überfallen und verwüstet (Chavisten behaupten, daß hätten
die Juden selbst inszeniert, um Chávez zu schaden, möglicherweise mit der
Hilfe des Mossad). Schon vorher hatten Chavisten regelmäßig Hakenkreuze, antijüdische
und pro-palästinesische Parolen an die Mauern gesprüht.
Als sich im November 2008
abzeichnete, daß der Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski die
Gouverneurswahlen im nördlichen Bundesstaat Miranda gewinnen könnte, stellten
chavistische Kommentatoren dessen jüdische Herkunft heraus. „Capriles
Radonski gehört zu einer Art, die mit dem venezolanischen Weg zu leben, nichts
gemeinsam hat“, hieß es auf „Aporrea“. Ivana Cardinale vom staatlichen
Radiosender YVKE schrieb, Radonski sei „genetisch ein Faschist“. Hugo Chávez
verbreitete im staatlichen Fernsehen das Gerücht, Radonski wolle israelische
Agenten ins Land bringen. „Das werde ich nicht zulassen“, so Chávez. Im
Juni 2009 griff in Mirandas Hauptstadt Los Teques ein rotgekleideter
chavistischer Mob unter Führung des Bürgermeisters Alirio Mendoza das Haus
Radonskis an und beschmierte es mit Hakenkreuzen.
Obwohl Chávez´ Popularität augenblicklich so niedrig ist wie noch nie, will er bei den Parlamentswahlen im September 2010 mindestens 75 Prozent der Mandate gewinnen - was möglich ist, da die Wahlbehörde CNE von seinen Leuten kontrolliert wird. Chávez hat noch Großes vor: Die Bevölkerung solle sich auf einen Krieg mit Kolumbien vorbereiten, sagt er. „Wir werden absolut nicht akzeptieren, daß Kolumbien in unserer Region zu einem neuen Israel wird.“