Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Die Türkei geht auf Distanz zu Israel und intensiviert die Beziehungen zum Iran.

Unsere Beziehungen zur Türkei sind in letzter Zeit sehr gut«, sagte 1953 Maurice Fisher, der israelische Botschafter in der Türkei – und warnte gleichzeitig: »Diese guten Beziehungen können sich über Nacht verschlechtern, und wir sollten aus den bitteren Erfahrungen anderer lernen.« Die Geschichte hat ihm recht gegeben. Das türkisch-israelische Verhältnis war seither ständigen Wechseln unterworfen. Vor wenigen Jahren hieß es einmal mehr, es sei so gut wie nie zuvor. Heute sagen viele, es habe einen historischen Tiefpunkt erreicht.  

Als Israel Anfang des Jahres militärische Maßnahmen ergriff, um den Beschuß seiner Städte durch Raketen und Granaten aus dem Gazastreifen zu unterbinden, wurde dies von der Türkei – die in den letzten Jahren immer wieder irakische Dörfer mit Bomben, Panzern und Artillerie angegriffen hat – scharf verurteilt. Die diplomatische Lage spitzte sich zu, als der türkische Ministerpräsident Erdogan auf dem Wirtschaftstreffen in Davos eine Rede gegen Israel halten wollte und vom Moderator gebeten wurde, sich kurz zu fassen. Tobend und fluchend verließ er den Saal – und wurde dafür zu Hause frenetisch gefeiert.  
Im Herbst gab es weitere Vorfälle, die die türkisch-israelischen Beziehungen belasten. Ein türkischer Fernsehsender strahlte eine antisemitische Fernsehserie aus, in der israelische Soldaten in Herodes-Manier Kinder und Säuglinge ermorden. Gleichzeitig verweigerte die Türkei Israel die Teilnahme an einem Nato-Manöver. Die von westlichen Medien zitierte Begründung war wiederum der israelische Militäreinsatz im Gazastreifen. »Today’s Zaman« hingegen, eine englischsprachige türkische Nachrichtenseite im Internet, brachte eine andere Erklärung: Der wahre Grund sei die Verärgerung der türkischen Armee darüber, daß Israel immer noch nicht die Überwachungsdrohnen geliefert habe, die die Türkei vor vier Jahren bestellt hat. »Die Türkei braucht diese Flugzeuge im Kampf gegen den Terror. Was zur jüngsten Krise zwischen der Türkei und Israel geführt hat, war die Verzögerung der Lieferung«, zitiert die Seite einen anonymen Armeeoffizier.  
Möglich ist, daß es sich so verhält: Die Geschichte stimmt, gleichzeitig sah Erdogan einen willkommenen Anlaß, erneut mit antiisraelischer Propaganda und einer kraftvollen Geste Punkte in der Bevölkerung und bei den islamischen Staaten zu sammeln. Dann wäre das Gerede über Gaza bloß ein PR-Manöver. Was aber nicht heißt, daß Erdogan kein Antisemit und Wirrkopf wäre. Dafür gibt es ja genug Beispiele: Israel habe im Gazastreifen »weitaus schlimmere Verbrechen« verübt als der sudanesische Präsident Omar al-Bashir in Darfur, so Erdogan. Anders als mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu könne man mit al-Bashir »gut diskutieren« und ihm sagen: »Was du tust, ist falsch.« In Darfur habe es auch gar keinen Völkermord gegeben, so Erdogan weiter, dazu seien Muslime nämlich »gar nicht imstande«, anders als die Juden: Israel beabsichtige, im Gazastreifen Atombomben zu zünden. Studenten empfahl Erdogan einmal, es »so zu machen wie die Juden: etwas erfinden und sich dann zurücklehnen und mit der Erfindung viel Geld machen.« Sein Geisteszustand steht also außer Frage. Doch spielen sicherlich auch rationale Erwägungen bei Erdogans Politik eine Rolle.  
Das türkisch-israelische Verhältnis war von Anfang an undurchsichtig. Die Türkei hatte zwar 1947 in der Generalversammlung der Vereinten Nationen gegen den Teilungsplan gestimmt, der die Schaffung eines jüdischen und eines arabischen Staates im Mandatsgebiet Palästina vorsah. Doch 1950 war die Türkei das erste islamisch geprägte Land, das Israel anerkannte. Im folgenden Jahr protestierte die Regierung in Ankara gegen die Entscheidung Ägyptens, israelischen Schiffen die Durchfahrt durch den Suezkanal zu verbieten, 1952 tauschten Israel und die Türkei Botschafter aus. Eine Politik der Türkei, die von Israels Feinden als proisraelisch wahrgenommen wurde, beeinflußte natürlich ihre Beziehungen zu arabischen Staaten. Als der türkische Ministerpräsident Adnan Menderes im Juni 1954 sagte, es sei »Zeit, daß die arabischen Staaten das Existenzrecht Israels anerkennen«, entgegnete der ägyptische Präsident Nasser einige Monate später, die Türkei sei wegen ihrer Israelpolitik »in der arabischen Welt unbeliebt«. In den folgenden fünf Jahrzehnten versuchte Ankara meist, sowohl Beziehungen zu Israel aufrechtzuerhalten als auch gute Kontakte zu den arabischen Staaten zu pflegen (wofür eine öffentlich bekundete Feindschaft gegenüber Israel natürlich Voraussetzung ist). Israels erster Staatschef Ben Gurion sprach deshalb einmal von den »zwei Gesichtern« der türkischen Politik und klagte: Die Türken hätten Israel immer »wie eine heimliche Geliebte behandelt, nicht wie den Partner in einer öffentlich erklärten Ehe«.  
1955 schloß die Türkei ein Militärbündnis mit dem Irak, den »Bagdad-Pakt«, was in Israel die Sorge entfachte, die Türkei könnte sich im Falle eines neuen arabischen Überfalls auf den jüdischen Staat ebenfalls gegen Israel wenden. Doch bald kam ein neuer Schwenk, der den Beginn der strategischen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel markierte. Im Juli 1958 stürzten irakische Offiziere die haschemitische Monarchie und riefen eine »Volksrepublik« aus, womit der Bagdad-Pakt hinfällig war. Im selben Jahr führte die Sowjetunion ein großes Truppenmanöver an der Grenze zur Türkei durch. Die Angst vor der Sowjetunion und vor einer nasseristischen Durchdringung des Nahen Ostens führte dazu, daß sich die Türkei Israel zuwandte. Im August 1958 trafen sich Ben Gurion und Adnan Menderes und vereinbarten eine weitreichende wirtschaftliche, wissenschaftliche und militärische Zusammenarbeit. Israelische Firmen bauten in der Türkei Flugplätze und halfen beim Aufbau der Industrie und der Entwicklung der Landwirtschaft.  
Doch die türkischen Provokationen gingen weiter und bestätigten Ben Gurions Rede von den zwei Gesichtern: Im Vorfeld des Sechstagekriegs zeigte die türkische Regierung Verständnis für die Position Ägyptens und weigerte sich, die Sperrung der Straße von Akaba für israelische Schiffe (zweifellos ein kriegerischer Akt) zu verurteilen. In den siebziger Jahren unterstützte die Türkei alle arabischen Resolutionen in der UN-Generalversammlung – auch die berüchtigte Entschließung von 1975, wonach Zionismus eine Form des Rassismus sei. Im selben Jahr wurde die Terrororganisation PLO von der Türkei als alleinige Repräsentantin der Palästinenser anerkannt, drei Jahre später eröffnete sie in Ankara ein Büro.  
Ende der achtziger Jahre verbesserten sich die Beziehungen zu Israel wieder. Wie 1958 war es das Gefühl der Bedrohung, das die türkische Politik an die Seite Israels trieb: Diesmal war es der Krieg mit der kurdischen PKK-Guerilla, der sich leicht zu einem Krieg mit Syrien hätte entwickeln können, das die PKK unterstützte. Da das Regime in Damaskus gleichzeitig einer der ärgsten Feinde Israels ist, lag eine Zusammenarbeit für beide Länder nahe. Die israelische Luftwaffe durfte den türkischen Luftraum für Übungen nutzen, israelische Techniker modernisierten dafür die türkischen F-4-(»Phantom«)-Jäger. Auch der Austausch von Geheimdienstinformationen dürfte für beide Staaten wichtig gewesen sein.  
Heute gilt die Türkei als wirtschaftlich erfolgreiches Schwellenland und braucht weder die PKK noch äußere Feinde mehr zu fürchten. Ob die Regierung in Ankara nun glaubt, auf israelische Hilfe nicht mehr angewiesen zu sein? Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, könnte man sagen. Aus israelischer Sicht ist allerdings sehr beunruhigend, daß die Türkei unter Erdogan ein enges Band zu Iran und Syrien knüpft. Gegenüber der EU, die weiter denn je davon entfernt ist, die Türkei aufzunehmen, möchte Ankara das Drohmittel haben, sich auch anderweitig orientieren zu können – und sich gleichzeitig als wichtiges Transitland für Erdgas präsentieren.  
Der Wunsch der Europäer, sich weniger abhängig von russischem Gas zu machen, spielt sowohl der Türkei als auch dem Iran in die Hände. Die Nabucco-Pipeline, die das Gas aus Asien nach Westeuropa bringen soll, führt durch die Türkei und kann ohne Gas aus dem Iran, dem Land mit den zweithöchsten Gasreserven der Welt, kaum wirtschaftlich betrieben werden. Im Oktober unterzeichneten beide Staaten ein Abkommen über eine türkische Beteiligung an der Ausbeutung der iranischen Gasvorkommen und die Lieferung des Gases an die Türkei. Das bilaterale Handelsvolumen soll sich nach dem Willen der beiden Regierungen in den nächsten fünf bis zehn Jahren von derzeit sieben auf 20 Milliarden Dollar verdreifachen. Im Oktober reiste Erdogan nach Teheran, wo er – eine seltene »Ehre« – von Ajatollah Chamenei empfangen wurde. Über den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad sagt Erdogan: »Es gibt keinen Zweifel daran, daß er unser Freund ist.«  
Angesichts des herzlichen Einvernehmens zwischen den beiden Islamisten könnte sich tatsächlich eine deutliche Abkühlung der türkisch-israelischen Beziehungen anbahnen. Für Israel hieße das, daß es seine Außenpolitik neu ausrichten müßte. Damit hat die neue Regierung unter Benjamin Netanjahu bereits begonnen. Seit dessen Amtsantritt bemüht sich Israel um engere Beziehungen zu Ländern Afrikas und Lateinamerikas, Staaten, die die israelische Diplomatie jahrzehntelang vernachlässigt hatte. Die militärische Kooperation mit Indien, einem Land, das wie Israel im Visier dschihadistischer Terroristen liegt, hat sich in den letzten Jahren zu beiderseitigem Vorteil entwickelt und ist vielleicht sogar schon wichtiger, als es diejenige mit der Türkei je war.  
Sollte die Türkei weiter Richtung Teheran driften und Israel offene Feindschaft erklären, wäre das aus der Sicht Jerusalems sicherlich bedauerlich. Es würde aber andere Türen öffnen: Zig Millionen Kurden leben in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran. Israel unterhält zu ihnen seit Jahrzehnten relativ gute Beziehungen, die aber nie so eng waren, wie sie aufgrund ähnlicher Interessen und kultureller Gemeinsamkeiten hätten sein können. Bräuchte die israelische Regierung keine Rücksichten auf Ankara mehr zu nehmen, könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit den Kurden werden. Zu begrüßen wäre auch, wenn israelische Politiker nicht mehr schweigen oder lügen müßten, wenn es um den türkischen Völkermord an den Armeniern geht. Die schlechten Zeiten haben also ihre guten Seiten.

Erschienen in "konkret" 12/2009