"Wir wissen nichts"
Die Leser der "Frankfurter Rundschau" und der "Berliner Zeitung" haben für gewöhnlich nichts zu lachen. Doch angesichts der Anschläge auf zwei Moskauer U-Bahnstationen, bei denen Ende März 40 Menschen getötet wurden, entwickelten die Redaktionen der beiden Zeitungen einen eigentümlichen Humor. Beide fanden es lustig, am 10. April eine Glosse der Journalistin und Islamconférencieuse Mely Kiyak zu drucken, die mit "Liebe Selbstmordattentäter" ("FR") bzw. "Liebe Suizidattentäter" ("Berliner Zeitung") überschrieben war. "Wo sind denn die ganzen Experten für islamistischen Terror geblieben? Die ganzen Koran-In- und Auskenner?", fragt Kiyak. Hätte es sich bei den Tätern um Männer gehandelt, dann würden die "europäischen Hobbyaufklärer wie Hühner auf eine Talkshowstange klettern und gackern: ,Das ist, weil die denken, im Himmel warten 72 Jungfrauen´", glaubt sie. Der Text geht genauso superwitzig weiter, bringt dann aber ein in den Augen seiner Autorin wichtiges Thema zur Sprache: "Jetzt interessiert mich natürlich schon, warum wir eigentlich so wenig über Selbstmordattentäter wissen? Eigentlich wissen wir nichts". Nichts, nada.
Unerwähnt läßt Kiyak, daß die Russin Julia Jusik 2004 über das Thema immerhin ein ganzes Buch veröffentlicht hat. Sie hatte Verwandte von Attentäterinnen, Geheimdienstmitarbeiter und eine überlebende (Beinahe-)Selbstmordattentäterin befragt. Jusik beschreibt das, was über das Leben der Frauen bekannt ist, und wie sie zu Terroristinnen wurden: Oft werden sie entführt, isoliert gefangen gehalten, erpreßt, mißhandelt, vergewaltigt und unter Drogen gesetzt. Nur eine von zehn "Märtyrerinnen" handle freiwillig, so Jusik. Die Bomben, die sie bei sich tragen, werden ferngezündet. Zwar läßt sich von Deutschland aus schwer festzustellen, ob alles, was Jusik schreibt, exakt ist; mit Bestimmtheit aber läßt sich sagen, daß das, was sie herausgefunden hat, mehr ist als "nichts".
Doch
es stimmt: Die meisten westeuropäischen Journalisten, die über Tschetschenien
schreiben, wissen tatsächlich nichts. Sie wollen gar nichts wissen. Würde man
aktuelle Leitartikel über Tschetschenien neben welche aus den neunziger Jahren
halten, wäre schwer feststellbar, welche jünger und welche älter sind. Stets
geht es in ihnen darum, daß die russische Regierung unklug handle, obwohl doch kluges
Handeln viel schöner wäre. Fast immer kommen die Kommentare ohne Fakten aus.
Der Grund hierfür ist offensichtlich: Über Tschetschenien wird kaum berichtet,
weil ein Krieg, der sich über so lange Zeit hinzieht, niemanden mehr
interessiert. Darum gibt es in den Redaktionen keine Tschetschenien-Experten: Es
wäre unökonomisch, Wissen zu horten, das sich gar nicht in Umlauf bringen läßt.
Dann aber passiert es: Bei einem Anschlag in Moskau werden Dutzende Menschen getötet,
oder es werden in einem Theater oder in einer Schule hunderte Menschen als
Geiseln genommen. Nun bleibt den Zeitungen keine Wahl, sie müssen wieder
einmal über Tschetschenien berichten (das ist ja auch das, was die Terroristen
bezwecken).
Da
zwischen Frankfurt an der Oder und Wladiwostok sowieso alles bloß "Osteuropa"
ist, werden nun also die Osteuropaexperten (die ihre Ausbildung zu Zeiten des
Kalten Krieges erhalten haben und immer noch so schreiben wie damals) gebeten,
sich des Themas anzunehmen. Oder man fragt gleich die Philosophen. Diese lassen
sich theoretisch unterscheiden in diejenigen, die tatsächlich von Beruf
Philosoph sind (Sloterdijk und die Franzosen) und diejenigen, die sich für
Philosophen halten und meinen, daß ein Beitrag über Tschetschenien stets eine
Lektion über Tugenden, Seele und Moral sein sollte.
Ein
echter Philosoph ist etwa André Glucksmann. "Sind die Geiselnehmer in Ihren
Augen Terroristen oder Rebellen, Freiheitskämpfer", fragte die "Welt" ihn im
September 2004, nachdem islamistische Terroristen in Beslan 1100 Kinder und
Erwachsene als Geiseln genommen hatten. Glucksmann: "Man kann sie nennen,
wie man will. Sie sind am apokalyptischen Ende der Geschichte angelangt. Sie
haben alles verloren. Sie wissen, daß, wenn die Stummheit der Welt andauert,
sie alle sterben werden, auch ihre Kinder. Sie haben keine andere Möglichkeit
mehr."
Das
ist eine wichtige Regel: Der Terrorist hat immer recht. Wenn jemand entscheidet,
andere Menschen durch Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion ins Jenseits zu
befördern, dann muß wohl ihm, seiner Familie, seinem Nachbarn oder seinem Volk
vorher ein Unrecht zugefügt worden sein. Eigentlich sind Terroristen gute
Menschen. Sie morden bloß aus "Verzweiflung", wer ihre guten Absichten nicht
erkennt, hat nicht gründlich genug gesucht. Irgendein Grund findet sich immer
– am besten dann, wenn man sich nicht um Tatsachen kümmert - darum, was die
Terroristen selbst über ihre Ziele sagen - sondern statt dessen wie Glucksmann
(und viele andere) darüber spekuliert, was "das tschetschenische Volk" (bzw. "das
palästinensische Volk", "die arabische Welt" usw.) angeblich gerade denkt oder
fühlt. Da eine solche Behauptung unmöglich widerlegt werden kann, kann man erzählen,
was man will.
Gut
ist es, den größten Teil von Vergangenheit und Gegenwart auszublenden. Daß
tschetschenische Terroristen, die bevorzugt Anschläge am 9.Mai verüben, damit
zum Ausdruck bringen, daß sie die Befreiung vom Nationalsozialismus rückgängig
machen wollen, darf nicht thematisiert werden (dann käme man auch schnell
darauf, daß tschetschenische Milizen schon im Zweiten Weltkrieg gegen Rußland
kämpften - propagandistisch unterstützt von Hitlers Freund Amin Al-Husseini,
dem Großmufti von Jerusalem).
Auch
vom Dschihadismus darf keine Rede sein, wenn es um Tschetschenien geht. Er wird
verschwiegen oder gar geleugnet. "Das
Staatsfernsehen beeilte sich, die Attentate (in der Moskauer U-Bahn; d.Verf) in
eine Reihe mit den Anschlägen auf Madrider Vorortzüge 2004 und in der Londoner
U-Bahn 2005 zu stellen – als seien auch sie eine Tat internationaler
Terroristen", heißt es im "Spiegel". Die Dummheit, die aus diesem Satz spricht,
ist erschütternd – und bestätigt wiederum die Aussage: "Wir wissen nichts".
Die Wahrheit ist, daß der Heilige Krieg per definitionem keine geografischen
und ethnischen Grenzen kennt (sondern nur die Unterscheidung in Gläubige und
Ungläubige). Wenn der Autor das nicht weiß - etwa, weil er von Beruf
Osteuropaexperte oder Philosoph ist -, dann hätte er zumindest die Erklärung
lesen können, die der Mudschaheddinführer Doku Umarov vorlas, als er im Herbst
2007 das "Kaukasus-Emirat" ausrief: "Alle Länder im Kaukasus wo Mudschaheddin,
die mir den Eid geschworen haben, den Dschihad führen, erkläre ich zu Staaten
des Kaukasus-Emirats … Ich glaube nicht, daß es notwendig ist, seine Grenzen
zu ziehen." Es ist bekannt, dass Tschetschenen arabischen Terrororganisationen
zur Seite stehen, Araber wiederum kämpfen in Tschetschenien. Überall auf der
Welt wird zur Unterstützung der tschetschenischen Mudschaheddin aufgerufen;
propagandistische und logistische Hilfe erhalten sie von Al-Qaeda, Geld aus den
Golfstaaten. Noch internationaler geht´s wirklich nicht. Wenn die russische
Regierung auf diese Tatsachen hinweist, wird dies in der deutschen Presse aber
meist als "vorschnelle Schuldzuweisung", "Reflexhandlung" oder einfach als
Propaganda bezeichnet. Eigentlich seien die Russen ja selbst am Terror schuld,
scheinen viele Journalisten zu glauben.
Wer
es noch eine Spur verrückter mag, der lese, was die "Taz" über die Anschläge
in der Moskauer Metro schreibt: "Auszuschließen ist es nicht, daß russische
Geheimdienste ihre Finger im grausamen Spiel haben." Der russischen Regierung kämen
die Attentate nämlich "durchaus gelegen, um von den eigenen Problemen
abzulenken." Man weiß, wie die Wahnsinnigen über solche Dinge denken: Der CIA
habe am 11. September 2001 das World Trade Center in die Luft gesprengt,
Franklin D. Roosevelt opferte am 6. Dezember 1941 absichtlich die Flotte von
Pearl Harbor, weil er Krieg mit Japan wollte.
Die
gleiche "Taz"-Redakteurin von der das Zitat stammt, hatte schon vor vier Jahren
geschrieben, die russische Regierung habe die Kette von Anschlägen auf
russische Wohnhäuser im September 1999 genutzt, "den zweiten
Tschetschenienkrieg vom Zaun zu brechen (!), mit dem sich Wladmir Putin ins Präsidentenamt
und die Herzen der Wähler bombte." Ein Journalist schreibt bekanntlich vom
anderen ab: "Die Sprengung mehrerer Wohnhäuser in Moskau und zwei anderen Städten
im Herbst 1999 – 307 Menschen starben – nutzte (!) Putin, um den zweiten
Tschetschenienkrieg auszulösen (!)". Das stand kürzlich im "Spiegel". Ein
Autor der "Frankfurter Rundschau" phantasierte im September 2009 ebenfalls darüber,
ob "nicht Tschetschenen, sondern der Inlandsgeheimdienst FSB 1999 "den
Massenmord an russischen Bürgern begangen" habe, "um Stimmung gegen
Tschetschenien zu machen".
"Nun,
Watson", sagte Holmes, "was machen wir aus alldem?” Der Fall ist leicht zu lösen:
Die Anschläge auf die Wohnblöcke wurden im September verübt, der Krieg aber
begann bereits Anfang August, mit dem Überfall tschetschenischer Mudschaheddin
auf Dagestan. Die Idee, die russische Regierung habe auf einen Vorwand gewartet,
um einen Krieg zu beginnen, ist also Geschichtsfälschung der plumpesten Art, für
jeden zu durchschauen. Offenbar vertrauen die Redakteure von "Spiegel", "Taz"
und "Frankfurter Rundschau" darauf, daß nicht nur für sie, sondern auch für
ihre Leser das Motto gilt: "Wir wissen nichts."
Angesichts dieses Elends lobe ich mir die glasklare Analyse von Franz Josef Wagner, Terrorismusexperte der "Bild"-Zeitung: "Es ist die Montagmorgen-Rushhour, 7.56 Uhr. Manche sind noch verschlafen, Menschen in der U-Bahn schauen sich nicht an, jeder hat sein eigenes Leben, seine eigenen Sorgen. Man mustert sich nicht in der U-Bahn, man starrt nach unten, man ist bei sich. Wenn es enger wird, weil immer mehr einsteigen, empfindet man das Schubsen als unangenehm. Man gibt dem Schubser einen Blick, aber man wendet seinen Kopf ab. Man ist mit seinen Gedanken bei dem Chef, in der Mittagspause. Zehn Zentimeter hinter ihnen zündet eine Selbstmordattentäterin eine Bombe. Und auf einmal ist man tot und zerfetzt. Tot auf dem Weg mit der U-Bahn zur Arbeit." Endlich einer, der sich an die Fakten hält!
Erschienen
in "konkret" 5/2010