The Man Who Changed His Mind

Wie Israel die Kontrolle über den islamistischen TV-Prediger Scheich Al-Qaradawi übernommen hat. Eine Geschichte in Arabesken.

Ägypten ist nach einem Jahr Herrschaft des revolutionären Dschihadismus in das Lager des konservativen Islamismus zurückgekehrt. Einige Personen des öffentlichen Lebens wurden von diesem Umschwung überrascht und stehen nun mit heruntergelassenen Hosen da, bildlich gesprochen. Zu ihnen gehört der Schauspieler Hassan Youssef, eine Berühmtheit, wie sie in Deutschland nicht ihresgleichen findet: Zwischen 1959 und 1987 wirkte er in nicht weniger als 120 ägyptischen Filmen mit und spielte darin meist einen Playboy, eine Art arabischen James Bond. Seine Frau, die Schauspielerin Shams al-Baroudi, galt in den siebziger Jahren als die schönste Frau des ägyptischen Films. 1982 aber machte das Paar eine Umra, auch kleine Hadsch genannt; das ist eine Pilgerreise nach Mekka außerhalb der Hochsaison. Von da an wurden die beiden wunderlich. Frau Baroudi fing an, den Niqab zu tragen, und gab plötzlich nur noch Religiöses von sich. Sie trat nicht mehr in Filmen auf und nannte ihre Zeit auf der Leinwand Jahiliyyah – so heißt im Koran der Zustand des Unglaubens (vor der Ankunft des Islam). 1987 beendete auch Youssef seine weltliche Kunst. Er hatte eine Geschäftsidee; er gründete eine Produktionsfirma, und da er jetzt ein Pilger war, kam er leicht an saudisches Geld. Seine Firma dreht ausschließlich Filme, die nicht unsittlich sind, also glorifizierende Seifenopern über das Leben und Reden berühmter Scheichs.

Dieser Mann wurde kürzlich in einer Livesendung des ägyptischen Fernsehens gefragt, wie einer seiner besten Freunde es hatte wagen können zu behaupten, die ägyptische Armee benehme sich schlimmer als Israel. Der das sagte, ist niemand Geringerer als ebenjener Al-Qaradawi, der die Ermordung von Israelis, Homosexuellen und Apostaten billigt, Hitler preist und einige der wichtigsten zeitgenössischen Moralhandbücher der islamischen Welt geschrieben hat. Ein Mann, der in Ägypten hochangesehen war – bis er jenen Satz über die ägyptische Armee gesagt hat. Ist Youssef aus dieser Situation lebend herausgekommen? Seine Chancen standen schlecht, denn was hätte er groß antworten sollen? „Qaradawi hat recht“? Das wäre sein Todesurteil. „Qaradawi ist ein Idiot“? Das würde ja bedeuten, dass einer der wichtigsten spirituellen Führer (so nennt man das wohl) der islamischen Welt ein Idiot wäre. Da Youssef ein gebildeter Mensch ist, fiel ihm Ockhams Rasiermesser ein: Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Die lautet in diesem Fall: Israel hat einen Chip in Qaradawis Hirn implantiert und steuert ihn jetzt wie eine Drohne.

Das Gespräch, das von MEMRI ins Englische übersetzt wurde, verlief so:

 

Hassan Youssef: Der Al-Qaradawi, den ich kenne, ist tot. Israel ist zu allem fähig. Das ist ein Double, nicht er.

Moderator: Ich mag es, wenn Sie Kinosprache benutzen. Ein Double ist jemand, der anstelle des richtigen Helden Schläge einsteckt…

Hassan Youssef: Ich bin böse auf ihn – wenn er es wirklich ist. Aber ich bin auch sehr wütend darüber, dass er auf allen TV-Sendern beschimpft wird. Man wird wütend, wenn ein Freund beleidigt wird. […] Scheich Al-Qaradawi ist sehr moderat, kein Extremist. Darum kann ich meinen Ohren nicht trauen.

Moderator: Er hat Sie schockiert. Wenn Sie sagen, dass der Al-Qaradawi, den Sie kennen, tot ist, und sogar argwöhnen, dass Israel einen Chip in sein Gehirn gepflanzt hat – was eine metaphorische Art ist zu sagen, dass es Kontrolle über seinen Verstand übernommen hat…

Hassan Youssef: Es ist keine Metapher. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. König Faisals Neffe, der ihn ermordet hat… König Faisal war ein großer Monarch, der an Ägyptens Seite stand im Krieg von 1973 und einer der Hauptgründe für Israels Niederlage war. Er sagte [zum Westen]: „Wir sind an das Leben in der Wüste gewöhnt. Wir haben kein Problem damit, in Zelten zu wohnen, Ziegenmilch zu trinken und Datteln zu essen. Wir wollen nichts von euch. Nehmt nicht unser Öl. Tschüss.” Wie kann jemand seinen eigenen Onkel umbringen?
(Anmerkung: Der fromme Mann kennt sich in islamischer Geschichte doch nicht gut aus, anderenfalls wüsste er, dass es in muslimischen Herrscherdynastien ganz normal ist, dass Verwandte einander umbringen, insbesondere Neffen ihre Onkel.)
Wie kann jemand seinen eigenen Onkel töten? Er traf im Ausland eine jüdische Frau und verliebte sich in sie. Sie nahm ihn mit nach Israel, wo sie ihn operierten und einen Chip in sein Gehirn implantierten, mit dem sie ihn fernsteuerten, bis er seinen Onkel tötete.

Moderator: Ich fürchte, viele Leute haben heutzutage Chips in ihren Hirnen […] Es scheint [nach Al-Qaradawis Aussagen] so, dass die Geschichte über den israelischen Chip wahr ist…

Hassan Youssef: Das war nicht Dr. Al-Qaradawi. Was wir gerade gehört haben, kann nicht von dem Scheich Al-Qaradawi gesagt worden sein, den ich kenne. Die Stimme wurde darübergelegt. Sogar seine Gesichtszüge haben sich verändert, seit ich ihn bei unserem gemeinsamen Gebet in Doha gesehen habe. Er ist verändert. Dies sind nicht die Züge von Dr. Al-Qaradawi.

Moderator: Aber er ist es, der diese Sachen sagt, und Sie sagen, als Metapher, das ist nicht der echte Scheich Al-Qaradawi.

Hassan Youssef: Ich kann nicht glauben, dass Dr. Al-Qaradawi Lügen erzählen würde. […] Bis auf den heutigen Tag respektiere, ehre und verehre ich den Scheich Al-Qaradawi, den ich kannte, und küsse seine Hände und Füße.

Moderator: Aber wenn Sie den Al-Qaradawi der letzten Tage sehen – Sie sagen, er sei tot.

Hassan Youssef: Ich wasche meine Hände, nachdem ich ihn berührt habe. Al-Qaradawi ist tot. Die Stimme wurde drübergelegt.

Moderator: Nein, das ist schon seine richtige Stimme…

Hassan Youssef: Ist es denkbar, dass Al-Qaradawi lügen würde?! […]

Moderator: Was ist also mit ihm passiert?

Hassan Youssef: Es ist ein Double. Oder ein Chip. Es gibt keine andere Erklärung. Aber ich empfehle seinen Söhnen, die ich sehr gut kenne, ihn entmündigen zu lassen, wenn eine Erkrankung zugrunde liegt. […] Scheich Jussuf Al-Qaradawi wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschimpft und gedemütigt, auf allen [arabischen] Fernsehsendern, mit Ausnahme von Al-Jazeera natürlich. Seine Söhne sollten das nicht weiter mitansehen.

Moderator: Sie sagen also, wenn es sich um eine Krankheit handelt, sollten sie ihn für unzurechnungsfähig erklären.

Hassan Youssef: Ja, sie sollten ihn daran hindern, aufzutreten und solche Sachen zu sagen.

Halten wir fest: Israel hat einem Double Qaradawis einen Chip implantiert, dann ein Interview mit ihm geführt und falsch synchronisiert; Youssef wird sich ab sofort die Hände waschen, nachdem er Qaradawi die Füße geküsst hat, und Qaradawis Söhne haben viel Papierkram vor sich; wäre es in arabischen Ländern nicht eigentlich einfacher, wenn man beantragen müsste, als zurechnungsfähig eingestuft zu werden, und bis dahin von Haus aus erst einmal das Gegenteil angenommen würde?

Seit den Zeiten von Tausendundeiner Nacht hat der Orient nichts von seiner Faszination eingebüßt. Zu den schönsten neueren Scheherazaden gehört die über die Zugvögel, die für Israel spionieren, die Haie, die von Israel dazu dressiert wurden, Badegäste an der ägyptischen Küste zu fressen, oder die, die der Leibarzt Jassir Arafats zum Besten gegeben hat: Der aidskranke Terrorfürst sei gar nicht an seiner Krankheit gestorben, sondern jemand habe ihm – nach seinem bekannten jahrelangen Siechtum – HIV injiziert und ihn dann auch noch vergiftet.

Oder Israels angebliche Versuche, die Al-Aqsa-Moschee mit Tunneln, Chemikalien oder gar einem künstlichen Erdbeben zum Einsturz bringen.

Was soll man dazu sagen? Israel ist Opfer eines Weltkriegs der Wahnsinnigen. Er spielt sich auch hier ab. Weit über 150 Millionen Antisemiten gibt es in der EU, hat der Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld auf der Basis der von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierten Bielefelder Studie von 2011 und den Bevölkerungsziffern der entsprechenden Länder ausgerechnet (siehe dazu Gerstenfelds gerade erschienenes Buch Demonizing Israel and the Jews).

Wer, wie 48 Prozent der Deutschen, glauben will, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt, der würde auch alles über die Juden, ihre Pläne und Methoden schlucken, was Hassan Youssef ihm auftischt. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn schon bald auf Arte oder in der 3-Sat-„Kulturzeit“.

Stefan Frank

Ich bin unabhängiger Publizist, Übersetzer und Buchautor. In meinen Beiträgen, die gedruckt und im Internet erscheinen, beschäftige ich mich mit Politik, Wirtschaft, Finanzmärkten, Technologie und Gesellschaft. Meine letzte Buchpublikation: "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos" (Saarbrücken 2012).