Fachkräftedschihad

Kufiya

Sie haben es sicherlich schon gehört: Der Zufall oder der liebe Gott hat es so eingerichtet, dass just die Migranten, die am dringendsten Hilfe benötigen, gleichzeitig auch diejenigen sind, die die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft in Zukunft am meisten braucht. Es sind keine Faulenzer, die von der Ökostromumlage oder GEZ-Gebühren leben, sondern gut ausgebildete Fachkräfte, auf die wir, wie Politiker und Journalisten betonen, gerade noch gewartet haben. Es scheint, als gewönne der Begriff „Ärzteschwemme“ plötzlich eine neue Bedeutung.

Letzte Woche sagte der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, in seiner Rede zur Lage der Union: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ein alternder Kontinent sind, dessen Bevölkerung schrumpft. Wir werden talentierte Arbeitskräfte benötigen. Mit der Zeit muss Migration für uns eine neue Bedeutung bekommen: sie muss von einem zu bewältigenden Problem zu einer gut verwalteten Ressource werden.“ (1)

Flüchtlinge und Migranten sind die Lösung des demografischen Problems, die so nahe liegt, dass es schwer ist zu begreifen, wie sie so lange hatte übersehen werden können.

Vielleicht gab es bisher nicht genug Flüchtlinge, als dass jeder alternde Kontinent sich mit ihnen hätte versorgen können. Sie waren – wie die Wahrheit – eine kostbare Ressource, mit der man sparsam umgehen musste.

Die Zeiten sind vorbei. Damit dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl am besten gedient ist, muss den Neuankömmlingen aber auch erlaubt werden, in Europa beruflich dort weiterzumachen, wo sie in [hier Land einsetzen] aufgehört haben. Sie können sich sofort an die Arbeit machen, schließlich werden [hier Beruf einsetzen] ja immer gebraucht. Juncker: „Wir sollten also alles dafür tun, die nationalen Gesetze so zu ändern, dass es Flüchtlingen und Migranten erlaubt ist, am ersten Tag ihrer Ankunft in Europa zu arbeiten.“ Es sei denn, natürlich, sie kämen an einem Sonn- oder Feiertag.

Dass aber, wie Juncker und andere erklären, der Strom von Migranten gleichzeitig auch ein Zustrom von zukünftigem Wohlstand ist – eine Art vagabundierendes Kapital –, wirft auch Fragen auf. Eine davon wird vor allem in Mittel- und Osteuropa gestellt: Warum schickt Deutschland keine Flugzeuge oder Schiffe, um seine Neubürger in der Türkei und dem Libanon abzuholen?

Moralisch besonders drängend stellt sich diese Frage im Falle all derer, die Angela Merkels Sirenengesang dazu bringt, in Boote zu steigen, die dann kentern. Wäre es vorstellbar, dass der FC Bayern München zu Douglas Costa gesagt hätte: Wir zahlen dir ein Jahresgehalt von mehreren Millionen Euro – aber nur, wenn du den Weg von Donezk nach München zu Fuß zurücklegst?

Die andere Frage lautet: Geht nicht der Migrationsprofit, den Länder wie Deutschland und Schweden nun haben, auf Kosten der Staaten, aus denen sie die Fachkräfte abwerben? Ist nicht der Gewinn des einen der Verlust des anderen? So denken zumindest Sozialisten – wie etwa Florian Philippot, der Vizepräsident des französischen Front National: “Deutschland braucht billige Sklaven, um seine Industrie zu versorgen. [Merkels] Vorschläge, Migrantenquoten zu erzwingen, sind nur logisch: Sie dienen den zynischen Interessen des deutschen Kapitalismus. Das einzige Ziel ist es, so billig wie möglich die demografische Lücke zu füllen.“ (2)

Die arabische Welt ihrerseits wäre niemals dorthin gekommen, wo sie heute steht, wenn es keine Verschwörungstheorien gäbe, die dort auf fruchtbaren Boden fallen. Und so müssen sich nun ausgerechnet die Gläubigen in der Al-Aqsa-Moschee, die sowieso immer etwas meschugge sind, mit dem neuesten EU-Plan auseinandersetzen, arabische Fachkräfte ins Junckerland zu holen. Letzte Woche äußerte sich dazu der Arbeits- und Migrationsexperte Scheich Muhammad Ayed in seiner Freitagspredigt. Die Nachrichtenagentur MEMRI hat sie mit englischen Untertiteln versehen auf YouTube gestellt (3):

Die Ungläubigen wollen uns quälen. Sie wollen uns erniedrigen. [Der Koran sagt:] ,Die Juden und die Christen werden nie mit euch zufrieden sein.’ Doch wir werden niemals ihrer Religion folgen. Diese dunkle Nacht wird vorbei sein, und bald werden wir mit unseren Füßen auf ihnen herumtrampeln, so Allah will. Deutschland ist kein barmherziges Land, das Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak oder palästinensische Flüchtlinge aus der Levante oder anderswoher aufnehmen will. Europa ist alt und klapprig geworden und braucht menschliche Verstärkung. Keine Kraft ist stärker als die menschliche Kraft von uns Muslimen. Hört ihr Muslime, die Deutschen sagen in ihren Wirtschaftsberichten, dass sie 50.000 junge Arbeiter brauchen. Jetzt haben sie 20.000 und wollen weitere 30.000 und mehr, damit sie in ihren Fabriken arbeiten. Sie werden nicht von Mitleid für die Levante und ihre Menschen, ihre Flüchtlinge getrieben. Überall in Europa sind die Herzen mit Hass auf die Muslime gefüllt. Sie wünschen sich, wir wären tot. Aber sie haben ihre Fruchtbarkeit verloren. Jetzt suchen sie nach Fruchtbarkeit in unserer Mitte. Wir werden ihnen Fruchtbarkeit geben! Wir werden Kinder mit ihnen machen. Denn wir werden ihre Länder erobern, ob es euch gefällt oder nicht, ihr Deutschen, Amerikaner, Franzosen und Italiener und all ihr andern. Nehmt die Flüchtlinge. Wir werden sie schon bald einsammeln im Namen des kommenden Kalifats. Wir werden zu euch sagen: Dies sind unsere Söhne. Schickt sie uns, oder wir schicken unsere Armeen zu euch.

Wie es scheint, haben Junckers Headhunter die demografische Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Migrationskrise könnte bald zu einem Arbeitskampf mit der muslimischen Welt eskalieren – Europa droht der Fachkräftedschihad.

 

Erschienen auf der Achse des Guten, 19. September 2015

Stefan Frank

Ich bin unabhängiger Publizist, Übersetzer und Buchautor. In meinen Beiträgen, die gedruckt und im Internet erscheinen, beschäftige ich mich mit Politik, Wirtschaft, Finanzmärkten, Technologie und Gesellschaft. Meine letzte Buchpublikation: "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos" (Saarbrücken 2012).