Efraim Zuroff über „Operation Last Chance“

Das Landgericht Aachen hat den NS-Kriegsverbrecher Heinrich Boere im März zu lebenslanger Haft verurteilt. Ist dies ein Erfolg, selbst dann, wenn Boere die Strafe aus Gesundheitsgründen vielleicht niemals wird antreten müssen?

Zuroff: Die Verurteilung ist auf jeden Fall ein Erfolg, keine Frage. Von dem Urteil geht eine starke Botschaft aus: Auch mehr als 60 Jahre später kann ein Verbrechen immer noch untersucht werden. Es gibt andere Leute, die in derselben Situation sind wie Heinrich Boere, aber bei weit besserer Gesundheit. Sie können nicht nur verurteilt, sondern auch bestraft werden. Es handelt sich also um eine sehr wichtige Entscheidung – in symbolischer, juristischer und praktischer Hinsicht.

Deutsche Zeitungen haben Mitte April stolz darüber berichtet, dass Sie die deutsche Justiz für ihre Bemühungen bei der Ermittlung gegen Nazi-Kriegsverbrecher sehr gelobt hätten. Fürchten Sie, dass Ihr Lob dazu benutzt werden könnte, von der sehr mangelhaften Verfolgung der Täter in den letzten 60 Jahren abzulenken und die deutsche Justiz im Nachhinein reinzuwaschen?

Zuroff: Vergessen Sie nicht: Mein Bericht beschäftigt sich nur mit den Ereignissen im Zeitraum zwischen dem 1. April 2009 und dem 31. März 2010. In diesem Jahr ist Deutschland erfolgreich gewesen. Dies war eine sehr wichtige Veränderung in der deutschen Strafverfolgungspolitik, und das ist der Grund, weshalb Deutschland eine „Eins“ bekommen hat. Früher hat es schlechtere Noten erhalten, weil es nicht erfolgreich oder nur teilweise erfolgreich war. Vor drei Jahren gab ich Deutschland eine „Sechs“. Möglicherweise hat diese „Sechs“ als ein Katalysator gewirkt. Ich weiß, dass die deutschen Behörden damals mit der Note extrem unzufrieden waren. Wer weiß, vielleicht war sie ein Weckruf. Ich kann es nicht beweisen, aber es ist möglich.

Könnte es auch andere Gründe für diesen sehr späten Eifer geben? Vielleicht rührt er daher, dass all die Nazi-Politiker, Nazi-Richter und Nazi-Staatsanwälte tot oder im Altenheim sind?

Zuroff: Das ist ein Teil der Erklärung, aber es kommt noch etwas hinzu. Einige deutsche Staatsanwälte haben endlich begriffen, dass die Zeit wirklich abläuft. Darum sehen wir eine Menge Aktivität und Energie. Seit ich das deutsche Justizsystem kenne – seit über 25 Jahren – hat es niemals eine solche Energie gegeben. Der einzige Weg zum Erfolg wäre gewesen, diesen Fällen Priorität einzuräumen – statt dessen wurde das Problem als gewöhnlicher bürokratischer Vorgang betrachtet. In München gab es einen Staatsanwalt namens Konstantin Kuchenbauer, der sehr aktiv und engagiert war und an einigen Verurteilungen von Nazi-Kriegsverbrechern mitgewirkt hat. Leider gab es keinen Kuchenbauer in Hamburg, in Dortmund, in Düsseldorf usw. Es ist auch verwunderlich, dass es in Deutschland nie einen Simon Wiesenthal gab.

Kürzlich habe ich mich mit einem ehemaligen Staatsanwalt unterhalten, der in den sechziger Jahren bei der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg gearbeitet hat. Er sagte, dass es dort damals tabu gewesen sei, Simon Wiesenthal um Hilfe zu bitten. Hat Simon Wiesenthal diesen Eindruck auch gehabt?

Zuroff: Nein, so etwas habe ich von Simon Wiesenthal nie gehört. Im Gegenteil war er der Meinung, gute Beziehungen zu den deutschen Strafverfolgern zu haben. Die Unterstützung, die er in Deutschland erhielt, hob sich vorteilhaft von der seines Wohnsitzes Österreich ab.

Das österreichische Justizministerium widersprach kürzlich Ihrer Aussage, daß Österreich ein „Paradies für Kriegsverbrecher“ sei. Ein Sprecher sagte einer österreichischen Zeitung, das Ministerium sei höchst interessiert daran, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen und gehe allen Hinweisen nach – leider erhalte man vom Simon Wiesenthal-Center nur wenige.

Zuroff: Österreich hat wahrscheinlich von allen Ländern der Welt die schlechteste Bilanz, was die Verfolgung von Nazis im Verhältnis zu ihrer mutmaßlichen Zahl betrifft. Es ist nicht die Aufgabe des Simon Wiesenthal-Centers, für die österreichische Regierung Nazis zu finden. Die österreichische Regierung ist dafür verantwortlich, daß jeder Österreicher, der an Nazi-Kriegsverbrechen mitgewirkt hat, verfolgt wird. Im Lauf der Jahre ist es häufig vorgekommen, dass wir die Namen von Leuten weitergegeben haben, die ohne jeglichen Zweifel schuldig waren, Leute wie Wallisch oder Ašner. Jedesmal gab es irgendein Gesetz, das es Österreich ermöglichte, die Verfolgung der Täter zu unterlassen. Der Fall Wallisch war der am meisten verblüffende und schockierende. Wallisch hatte zugegeben, dass sie Menschen ins Gas befördert hatte, dass sie sie bewacht hatte, so dass sie nicht fliehen konnten. Als wir verlangten, dass sie vor Gericht gestellt wird, sagten die Österreicher uns, Wallisch sei der passiven Mittäterschaft am Genozid schuldig, ein Tatbestand, für den es eine Verjährungsfrist gebe. Diese Entscheidung war der Gipfel! Was soll das bedeuten: passive Mittäterschaft am Genozid? Das ist lächerlich. Ich hatte die Mitarbeiter des polnischen Instituts der Nationalen Erinnerung gedrängt zu versuchen, Beweismaterial zu finden, sie fanden es, und der Fall wurde neu aufgerollt. Aber was die Österreicher betraf, so wären sie völlig glücklich darüber gewesen, diese Frau entwischen zu lassen. Seit mehr als 30 Jahren hat es in Österreich keinen einzigen Fall einer erfolgreichen Verfolgung eines Nazi-Kriegsverbrechers mehr gegeben. Glaubt irgendein Mensch, der bei Verstand ist, auch nur für eine Minute, dass es in Österreich keine Nazi-Kriegsverbrecher gäbe?

Wie etwa Milivoj Ašner, der Polizeichef des Ustascha-Regimes, der an der Deportation von Juden, Serben, Sinti und Roma und mutmaßlichen Kommunisten beteiligt war. Während der Fußballeuropameisterschaft wurde er gesehen, wie er in Wien mit kroatischen Fußballfans feierte.

Zuroff: Das war empörend. Als ich am 1. Februar 2006 Österreich ein Paradies für Nazi-Kriegsverbrecher nannte, entdeckte der österreichische Innenminister plötzlich, daß Ašner seine österreichische Staatsangehörigkeit verloren hatte, weil er keine Erlaubnis beantragt hatte, als er die kroatische erwarb. Am nächsten Tag hätte er in den Zug nach Zagreb gesetzt werden müssen [wo ihn ein Verfahren erwartet hätte; Anm d. Red.]. Aber natürlich ist das nicht geschehen. Und als die Zeit verstrich, wurde seine Demenz angeblich schlimmer. Das behaupteten jedenfalls die österreichischen Ärzte. Ich habe einmal im Scherz gesagt, dass jeder österreichische Arzt überzeugt ist, dass alle Nazi-Kriegsverbrecher dement sind. Als die britische Zeitung „The Sun“, das österreichische und das kroatische Fernsehen Ašner interviewten, hat er ziemlich klar über seine Rolle während des Krieges geredet. Als wir verlangten, einen weiteren Experten hinzuzuziehen, brauchten die Österreicher neun Monate, um die Untersuchung durchzuführen. Es gibt dort keine Energie, keine Entschlossenheit, Nazis vor Gericht zu stellen. Als Antwort auf meine Fragen für den diesjährigen Bericht wurde ich darüber informiert, dass eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet worden sei, die alle Fälle von Nazi-Kriegsverbrechern, die möglicherweise noch verfolgt werden könnten, untersuchen soll. Wenn sie eine so gute Arbeit geleistet haben, warum brauchen sie dann diese Arbeitsgruppe? Offensichtlich deshalb, weil sie merken, dass sie versagt haben.

Sie sagten, dass den deutschen Gerichten klar geworden sei, dass die Zeit abläuft. Manchmal zeigen sie aber überhaupt keine Eile. Im Jahr 2005 hat ein Militärgericht in der italienischen Stadt La Spezia zehn Deutsche, die an dem Massaker in Sant´Anna di Stazema beteiligt waren, in Abwesenheit verurteilt. Das Urteil konnte bislang nicht vollstreckt werden, weil Deutschland deutsche Staatsangehörige nicht ausliefert. Statt dessen hat sich die Staatsanwaltschaft Stuttgart des Falls angenommen, bislang aber ohne jegliches Resultat – und das nach jahrelangen angeblichen Ermittlungen. Kritiker beschuldigen sie, den Fall absichtlich zu verschleppen, in der Hoffnung, daß die Männer bald sterben und kein Verfahren eröffnet werden muß. Was denken Sie darüber?  

Zuroff: Ich weiß davon, bin aber mit den Details der Ermittlungen in Stuttgart nicht vertraut. In den letzten fünf Jahren hat es vor italienischen Gerichten 32 Verurteilungen in absentia gegeben. Einer der Verurteilten – Josef Scheungraber – musste sich letztes Jahr auch vor einem deutschen Gericht verantworten und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Ich möchte eine Sache ganz klar sagen: Niemand behauptet, dass Deutschland perfekt sei, weit davon entfernt. Aber wir müssen die positiven Resultate anerkennen, die letztes Jahr erzielt worden sind. Die Schlacht darum, jeden Nazi vor Gericht zu bringen, haben wir vor vielen, vielen, vielen Jahren verloren. Wir müssen nun auf die positiven Ereignisse schauen. Dass es sie gibt, ist die gute Nachricht. Daß Deutschland die Auslieferung von Demjanjuk gefordert hat, der anderenfalls niemals zur Rechenschaft gezogen worden wäre, dass Boere verurteilt wurde, dass Scheungraber verurteilt wurde – all dies sind gute und wichtige Nachrichten. Zwei bedeutende Änderungen haben stattgefunden. Die erste ist, dass in Deutschland nun auch Personen verfolgt werden, die keine Offiziere waren – das war in der Vergangenheit nicht der Fall. Die andere besteht darin, dass auch Täter angeklagt werden, die keine deutschen Staatsbürger sind. Diese beiden Änderungen eröffnen ein großes Potential für weitere Prozesse.

2002 haben Sie die Kampagne Operation Last Chance gestartet. Indem Sie Belohnungen für wertvolle Informationen bieten, wollen Sie die letzten noch lebenden Nazi-Verbrecher vor Gericht bringen. Wie wichtig ist Geld als Mittel, um Hinweise zu bekommen?

Zuroff: Unglaublich wichtig. Ich wünschte, mir stünde für diesen Zweck viel mehr Geld zur Verfügung. Es ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil bei solchen Bemühungen. Wenn ich keine Belohnung anböte, sondern bloß eine Pressekonferenz einberiefe, bei der ich an das Gewissen der Leute appellierte, die in Ländern leben, in denen es viele Kriegsverbrecher gibt, würde dies kein Interesse entfachen. Wenn ich jedoch eine Belohnung aussetze, gibt es plötzlich enormes Interesse, die Medien berichten darüber, und die Botschaft ist in der Welt und macht die Runde.

Wie viele Hinweise erhalten Sie, und wie viele davon sind nützlich?

Zuroff: Um ehrlich zu sein: Nur wenige sind hilfreich. Seit Operation Last Chance begonnen hat, haben uns etwa 3.000 Leute kontaktiert. Diese Kontakte führten zu den Namen von über 550 Verdächtigen. Jeder Name muß drei Tests durchlaufen: Erstens muß die Information glaubwürdig sein. Ich erhalte viele Telefonanrufe, Faxe oder Briefe von Leuten, die sagen, sie hätten gerade einen Streit mit ihrem Nachbarn gehabt, der 87 Jahre alt sei und einen starken deutschen Akzent habe, es müsse wohl ein Nazi-Kriegsverbrecher sein. Solche Informationen halte ich nicht für sehr glaubwürdig. Zweitens muß die betreffende Person noch am Leben sein und fit genug, um an einem Prozeß teilnehmen zu können. Drittens ist erforderlich, dass er oder sie für die fragliche Tat noch nicht angeklagt worden ist.

Welche Hinweise waren für Sie von größerem Nutzen: die, die zu neuen Ermittlungen geführt haben, oder die, die Ihnen Material für bereits laufende lieferten?

Zuroff: Die Idee von Operation Last Chance ist es, Nazis zu finden, von denen wir vorher noch nicht wussten. Es gibt eine Ausnahme, das ist der Fall Aribert Heim. Wir erhielten eine Bitte vom Landeskriminalamt Stuttgart, Heim in unserer „Most Wanted“-Liste auf Platz eins zu setzen, und das haben wir dann auch getan. Eine Menge an Informationen, die wir erhalten haben, war über Heim. Die meisten anderen aber betrafen Personen, die in Naziverbrechen involviert waren, noch nie zuvor vor Gericht gestanden hatten und gesund genug waren, um angeklagt zu werden. Fünf Gerichtsverhandlungen kamen zustande aufgrund der Auswirkungen von Operation Last Chance. Dies waren die besten Hinweise.

Handelt es sich in der Regel um Hinweise zum Aufenthaltsort eines Verdächtigen, oder eher um Beweismaterial?

Zuroff: Manchmal kommt beides zusammen: Die Identität von jemandem, der Verbrechen begangen hat und sein gegenwärtiger Aufenthaltsort.

Glauben Sie, dass es viele Menschen gibt, die einen Naziverbrecher seit geraumer Zeit gekannt und bloß darauf gewartet haben, dass Sie eine Belohnung anbieten?

Zuroff: Die besten Informationen kamen von Leuten, die kein Geld haben wollten.

Warum haben sie dann die Informationen nicht viel früher geliefert, sondern so lange gewartet?

Zuroff: Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Einer der besten Hinweise, die wir bekommen haben, war der, der uns zu Erna Wallisch führte. Sie war Wächterin in Maidanek und Ravensbrück gewesen und lebte in Wien. Eine Anzeige, die wir in der „Kronen-Zeitung“ geschaltet haben, brachte uns den Hinweis. Ich muß sagen, dass es schmerzhaft war, der „Kronen-Zeitung“ Geld für diese Anzeige zu zahlen – die teuerste, die wir jemals plaziert haben. Vier Monate nachdem die Anzeige erschienen war, erhielt ich einen Brief von einer Frau, die schrieb: „Ich habe Ihre Zeitungsanzeige gesehen. Ich habe die Neonazis in Österreich satt. Eines der Monster der Lager lebt in Wien, sein Name ist Erna Wallisch. Ich will keine Belohnung.“ Alles stimmte: Wallisch lebte in Wien, sie war Aufseherin in den Lagern gewesen, sie war in gewisser Weise ein Monster, hatte Menschen bewacht und ins Gas gebracht. Ohne den Hinweis hätten wir nie von ihr erfahren. Leider starb sie plötzlich, nachdem wir aus Polen neue Zeugenaussagen über ihre mutmaßlichen Verbrechen in Maidanek erhalten hatten und die Österreicher den Fall neu aufrollten.

Es ist erstaunlich, daß es ausgerechnet eine Leserin der „Kronen-Zeitung” war, die den Hinweis lieferte.

Zuroff: Das war ja gerade der Sinn der Sache. Es hätte keinen Zweck gehabt, die Anzeige im „Standard“, der „Presse“ oder der „Wiener Zeitung“ zu schalten. Wir wollten die Leute erreichen, die Nazis kennen.

Samuel Kunz und Adolf Storms wurden kürzlich neu in die Liste der meistgesuchten Holocaust-Täter aufgenommen. Können Sie beschreiben, wie es dazu kam?

Zuroff: Das war nicht unser Verdienst. Kunz wurde vom Office for Special Investigations (OSI) entdeckt, im Laufe von Ermittlungen im Fall Demjanjuk. Im Judaismus sagen die Rabbis: „Eine gute Tat führt zu einer weiteren guten Tat, und eine schlechte Tat führt zu einer weiteren schlechten Tat.“ Das ist so wahr, was die Nazijagd betrifft! Jede gute Entscheidung, die getroffen wird, hat einen positiven Einfluß auf weitere gute Entscheidungen. Wenn ein Naziverbrecher verfolgt wird, trägt das dazu bei, andere zu ermutigen, ebenfalls Nazis vor Gericht zu stellen oder uns Informationen zu geben. Wenn, andererseits, Leute ungeschoren davonkommen, ermuntert das andere Länder, dieses Thema zu ignorieren und die Täter nicht vor Gericht zu bringen, mit furchtbaren Folgen. Storms wurde von einem österreichischen Studenten entdeckt, der Forschungen über die Verbrechen am Ende der Todesmärsche betrieb. Er verfolgte die Daten einer Person und fand heraus, dass Storms in Duisburg lebt. Dem Studenten und seinem Professor gebührt also das Verdienst.

Gerade viele osteuropäische Länder zeigen nur sehr geringe Anstrengungen, Täter des Holocaust vor Gericht zu stellen. Warum?

Zuroff: Der Grund ist offensichtlich. Es existiert dort absolut kein politischer Wille, die eigenen Nazi-Kriegsverbrecher zu verfolgen, aus einer Reihe von Gründen. Anders als in Westeuropa ging die Kollaboration in Osteuropa bis zur Beteiligung am Mord. Die Nazis hatten ideologische und praktische Gründe, ortsansässige Helfer zu rekrutieren. Der ideologische Grund war, dass sie zeigen wollten, dass jeder ihr Programm gegen die Juden unterstützte. Der praktische Grund war die Personalknappheit, zudem ist es für Juden, die sich verstecken wollen, schwieriger, ihre eigenen Nachbarn zu täuschen als nicht ortskundige Deutsche oder Österreicher. Die Kollaborateure in Nord-, West- oder Südeuropa haben Juden identifiziert, ihren Besitz gestohlen, sie zusammengetrieben oder sie sogar in die Züge nach Polen gesteckt; aber ihre Handlungen endeten am Bahnhof und gingen nicht bis zur direkten Beteiligung an Mord oder Massenmord. Diese griechischen, norwegischen, belgischen, holländischen oder französischen Kollaborateure waren nicht selbst Mörder. In Osteuropa war die Lage eine andere. Mit der Ausnahme von Polen und Serbien – aus einer Reihe von Gründen – waren die lokalen Kollaborateure in den Mechanismus der Massenvernichtung miteinbezogen. In Litauen wurden 96,4 Prozent der Juden ermordet. Entscheidenden Anteil daran hatte die Kollaboration von Freiwilligen, die an den Morden mitwirkten. Das gleiche gilt für Lettland, Estland, die Ukraine, Weißrußland usw. Diese Länder wollen nun also zwei Dinge vertuschen: ihre eigenen Verbrechen und dass sie die Täter nach ihrer Unabhängigkeit nicht angeklagt haben. Tatsächlich haben sie sogar viele begnadigt – sogar solche, die von den Sowjets verurteilt worden waren, und das, obwohl dem Gesetz dieser Staaten nach Menschen, die an Völkermord mitgewirkt haben, nicht begnadigt werden können.

Bei den ungarischen Parlamentswahlen im April hat die rechte Fidesz-Partei die absolute Mehrheit gewonnen, die Nazipartei Jobbik 17 Prozent. Welchen Einfluß könnte dieses Ergebnis auf ihre Bemühungen haben, den ehemaligen ungarischen Offizier Sandor Kepiro vor Gericht zu bringen, der 1942 in der serbischen Stadt Novi Sad ein großes Massaker organisiert hat und heute unbehelligt in Ungarn lebt?

Zuroff: Das wird nun vielleicht unmöglich sein. Das ist meine größte Sorge.

Das Interview erschien in „konkret“ 5/2010

Weitere Informationen über Operation Last Chance:

http://www.operationlastchance.org/

Literatur: Efraim Zuroff: Operation Last Chance. One Man´s Quest To Bring Nazi Criminals To Justice. Palgrave Macmillian, New York, 2009; ISBN 978-0-230-61730-8; 256 Seiten, 25 USD.

Stefan Frank

Ich bin unabhängiger Publizist, Übersetzer und Buchautor. In meinen Beiträgen, die gedruckt und im Internet erscheinen, beschäftige ich mich mit Politik, Wirtschaft, Finanzmärkten, Technologie und Gesellschaft. Meine letzte Buchpublikation: "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos" (Saarbrücken 2012).