Die USA erleben einen Gasboom

Die USA könnten in nur wenigen Jahren zu einem bedeutenden Gasexporteur werden. Von dieser Entwicklung würde am Ende auch Europa profitieren.

Wenn ein relativ kleines Unternehmen eine Milliarden-Investition tätigt und sich danach herausstellt, dass es den Markt falsch eingeschätzt hat, bedeutet dies oft den Bankrott. Der texanische Energiekonzern Cheniere Energy befand sich bis vor Kurzem in einer ähnlichen Lage. Das Unternehmen hatte sich mehrere Milliarden Dollar geliehen, um in Louisiana einen Import-Terminal für verflüssigtes Erdgas ( liquified natural gas , abgekürzt LNG) zu errichten. Das Gas, so der Plan, würde in Ländern wie Katar oder Algerien auf minus 163 Grad Celsius abgekühlt und verflüssigt, in spezielle Schiffe gefüllt, zu dem Terminal von Cheniere verschifft und dort wieder in Gas verwandelt.

Das klang zu einer Zeit, in der die Gaspreise in den USA hoch waren und manche glaubten, sie würden immer weiter steigen, nach einer guten Geschäftsidee. Doch neue Technologien – horizontales Bohren und das in Deutschland umstrittene Verfahren des so genannten Frackings , bei dem Chemikalien unter großem Druck in Gesteinsformationen gepresst werden – haben den US-Gasmarkt komplett umgekrempelt. Jetzt können auch Gasvorkommen ausgebeutet werden, die vor zehn Jahren noch als unwirtschaftlich galten.

Der Gaspreis ist in den USA in der Folge drastisch gefallen und notiert derzeit um 80 Prozent unter dem Stand von Mitte 2008. Als Chenieres den Terminal Ende 2008 mitten in der Bankenkrise fertigstellte, ahnten schon viele, dass er niemals benötigt werden würde. Der Kurs der Cheniere-Aktie, der sich zwischen 2002 und 2007 von 40 Cent auf 40 Dollar verhundertfacht hatte, fiel innerhalb eines Jahres auf einen Dollar zurück. Die Firma stand vor dem Aus.

Die USA werden zum Gas-Exporteur

Doch der aus dem Libanon stammende Chef und Unternehmensgründer Charif Souki hatte eine Idee: Wenn die USA keinen Import-Terminal brauchen, wie wäre es dann mit einem Export-Terminal? Dafür waren drei Dinge erforderlich: eine staatliche Exportgenehmigung (eine solche war zuletzt vor 50 Jahren erteilt worden), Abnehmer für das Gas und mehrere Milliarden Dollar an neuen Investitionen.

Im Mai 2011 erteilte das US-Energieministerium die notwendige Erlaubnis. Bereits im Oktober unterzeichnete Cheniere einen Liefervertrag mit dem drittgrößten britischen Energiekonzern BG Group. Ab 2015 soll Cheniere 20 Jahre lang die Flüssiggastanker von BG befüllen. Das Geschäftsvolumen beträgt zwölf Milliarden Dollar, und BG hat die Option, den Vertrag um zehn Jahre zu verlängern. Seither stehen die Interessenten bei Cheniere Schlange. Woher das hochverschuldete Unternehmen das Geld für die Umrüstung des Terminals nehmen will, ist noch unklar. Doch Anleger wetten darauf, dass die langfristigen Lieferverträge die Finanzierung erleichtern werden.

Cheniere Energy steht für den Aufstieg der USA zu einem großen Energieexporteur. Damit hatte noch vor wenigen Jahren niemand gerechnet. Es schien ausgemacht, dass die Vereinigten Staaten einen immer größeren Teil ihres Energiebedarfs durch Importe würden decken müssen. Dies, so die Pessimisten, werde irgendwann zu einer Konfrontation mit dem ebenfalls energiehungrigen China führen.

Es ist anders gekommen. Laut einer Studie von Goldman Sachs könnten die USA im Jahr 2017 zum weltgrößten Erdölförderer werden. Weniger symbolträchtig, aber ökonomisch bedeutsamer ist jedoch das rapide Wachstum der Gasförderung. „Der Erdgasmarkt der Zukunft wird ein ganz anderer sein als der der Vergangenheit“, sagt Michael Economides, Professor an der Universität Houston und Chefredakteur der Fachzeitschrift Energy Tribune . Er werde sich ähnlich entwickeln wie der Markt für Öl, dessen Preis überall auf der Welt gleich – oder zumindest ähnlich – ist. Bei Erdgas ist die Lage derzeit noch eine ganz andere: Es wurde in der Vergangenheit fast ausschließlich über Pipelines transportiert. Das führte dazu, dass jeder Kontinent einen eigenen Markt bildet. „Es ergibt keinen Sinn, dass Europäer im Vergleich zu den USA für Gas den drei- oder vierfachen Preis zahlen“, sagt Economides. Die Verbindung der beiden Märkte werde die Preise langfristig angleichen, ist er überzeugt.

Europa könnte unabhängiger von Russland werden

Die Technik, Gas flüssig zu transportieren, ist keineswegs neu, Länder wie Katar oder Trinidad exportieren schon seit langem LNG. „Die USA aber haben das weitaus größte Potenzial“, sagt Economides. Laut Schätzungen, die BG Group in der vergangenen Woche präsentierte, werden die Amerikaner Ende dieses Jahrzehnts 60 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr exportieren. Das wären 15 Prozent der europäischen Importe. Genug, um den Preis in Europa zu drücken? Ja, meint Economides: „Schon ein halbes Prozent mehr oder weniger an Angebot kann den Preis um 15 Prozent nach oben oder unten bewegen.“

Das Gas aus den USA – wie auch das der aufstrebenden Fördernationen Israel und Zypern – wird gerade dem Westen Europas sehr willkommen sein. Denn die Förderung in der EU sinkt von Jahr zu Jahr, so dass selbst bei konstantem Verbrauch immer mehr importiert werden muss. Um die Vorkommen in Zentralasien konkurriert Europa mit China und Japan ; Peking braucht mehr Gaskraftwerke, um die Luftverschmutzung zu verringern, Japan möchte nach der Fukushima-Katastrophe die Zahl seiner Atomkraftwerke reduzieren.

Wird auch Deutschland irgendwann amerikanisches Gas importieren? Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich die Bundesregierung bekanntlich für den Bau einer Ostseepipeline und damit für eine noch engere Anbindung an Russland entschieden. Trotzdem bleibe Flüssiggas eine Option, heißt es bei den Energieversorgern. „Langfristig wird LNG neben dem pipelinegebundenen Gas und eigener Gasproduktion als drittes Standbein der Versorgung aufgebaut“, sagt E.on-Sprecher Adrian Schaffranietz.

Auch die USA erhoffen sich vom Gas-Boom einiges: 600.000 neue Jobs könnten in der Branche bis Ende des Jahrzehnts geschaffen werden, sagt US-Präsident Barack Obama im vergangenen Monat in einer Rede vor dem Kongress. Dass irgendetwas die Pläne des Cheniere-Managements zum Scheitern bringen könnte, hält Economides für „völlig ausgeschlossen“. Ein anderes Unternehmen habe die Genehmigung eines Exportterminals in Maryland beantragt, und viele weitere würden folgen. „Es wird passieren, weil es so logisch ist.“

Stefan Frank

Ich bin unabhängiger Publizist, Übersetzer und Buchautor. In meinen Beiträgen, die gedruckt und im Internet erscheinen, beschäftige ich mich mit Politik, Wirtschaft, Finanzmärkten, Technologie und Gesellschaft. Meine letzte Buchpublikation: "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos" (Saarbrücken 2012).