Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer

Tuvia Tenenbom (links) und Stefan Frank, Oldenburg, 27. Februar 2013

Tuvia Tenenboms Buch »Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise« gehört hierzulande zu den meistgekauften Sachbüchern. Gleichzeitig ist der Verfasser – über den die Süddeutsche Zeitung als »der Jude Tenenbom« und ein Gutachter des Rowohlt-Verlags als »jüdischer Hysteriker« spricht – das Ziel wütender Angriffe, die oft von Leuten kommen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Für Lizas Welt sprach Stefan Frank (Foto, rechts) mit Tenenbom (links) über die Ayatollahs des Rowohlt-Verlags, Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Fassung des Buchs, die Dummheit und Bösartigkeit deutscher Intellektueller, die Angst der jüdischen Gemeinden, das Reisen, Radfahrer und die Vorzüge des Apple-iPad.

Ihr Buch hätte eigentlich im Rowohlt-Verlag erscheinen sollen, der es auch schon beworben hatte. Dann aber weigerte sich der Verlag, das Buch zu drucken, und warf Ihnen vor, Sie seien »offenkundig ein jüdischer Hysteriker«. Hat das vielleicht auch etwas mit Joachim Fest, dem verstorbenen Vater des Verlagsleiters Alexander Fest, zu tun?

Tuvia Tenenbom: Joachim Fest hat bekanntlich die erste deutsche Hitler-Biografie geschrieben und dabei ganze drei von über tausend Seiten den Konzentrationslagern gewidmet. Er hat außerdem Albert Speer* geholfen, aus seinen Memoiren ein Buch zu machen. Das ist der Papa, und der Sohn ist wie der Papa. Als er mein Manuskript sah, hat er sofort Änderungen angeordnet: »›Club 88‹? Kein Deutscher interessiert sich für Neonazis. Raus! Jemand sagt: ›Ich mag keine Juden‹? Das ändern wir zu: ›Ich mag Israel nicht.‹« Und so weiter. Ich sagte ihm: »Sie sollten ein Redakteur im Iran unter den Ayatollahs sein.« Wir hatten also großen Krach.

Schließlich wollte Rowohlt den Vertrag auflösen und zwei Drittel des Vorschusses zurückhaben. Da sagte ich: »Hört zu, laut Vertrag müsst ihr mein Buch bis September 2012 auf den Markt bringen. Ich weiß, dass euch das nicht gefällt. Wenn ihr vertragsbrüchig werdet, dann (maliziös flüsternd) werde ich jüdische Anwälte aus New York holen und werde euch auf jeden Dollar verklagen, (sehr laut) Millionen und Abermillionen! Ich gebe euch fünf Minuten.« Nach vier Minuten rief der Rowohlt-Verlag an und sagte, dass ich das Geld nicht zurückzahlen müsse. So groß war dort die Angst vor den jüdischen Anwälten. Manchmal ist Antisemitismus doch zu etwas nütze.

Die amerikanische Ausgabe Ihres Buches trägt den Titel »I Sleep in Hitler’s Room«. Auf Deutsch heißt es: »Allein unter Deutschen«. Warum zwei verschiedene Titel?

Der eine Titel war meine Idee, der andere die des Suhrkamp-Verlags. Für gewöhnlich hat der Verleger das Recht, einen Titel auszusuchen, wie auch bei Zeitungen, wo es den Redakteuren vorbehalten ist, die Überschrift und die Unterüberschrift zu bestimmen. In New York hat der eine Titel funktioniert, für Deutschland ist ihnen der andere eingefallen, und ich finde, der ist für die deutsche Version sehr gut. Für »I Sleep in Hitler’s Room« gab es zwei Gründe: Zum einen habe ich tatsächlich in Hitlers Zimmer im Weimarer »Hotel Elephant« geschlafen, zum anderen fühlte sich Deutschland am Ende der Reise an wie Hitlers Zimmer. Weiterlesen

Zombies im Sommerloch

Romney Kollage aus Zeitungsartikeln

Dass der Besuch des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in Großbritannien, Polen und Israel die Finsterlinge in deutschen Redaktionen fuchsteufelswild machen und all ihren Hass nach oben spülen würde, konnte man erwarten. Etwas überraschend war aber, dass, von einigen Nuancen abgesehen, alle den genau gleichen Text veröffentlichten – so, als wären sie Teil eines publizistischen Botnetzes. Schuld daran ist eine verbreitete Geisteskrankheit.

Das Phänomen des Sommerlochs erklärte man sich früher mit einer angeblich »nachrichtenarmen Zeit«. Dahinter stand der Glaube, dass das Leben von Mitte Juli bis Ende August stillsteht. Heute weiß man, dass das nicht stimmt. Die Erde dreht sich weiter, es ereignen sich täglich Katastrophen, Araber hören nicht auf, mit der Welt zu hadern, und Politiker schweigen auch im Urlaub nicht. Forschungen haben ferner bewiesen: Es gibt kein Wurmloch, durch das Nachrichten verschwinden könnten, die Masse bleibt also erhalten. Aber woher kommt dann der Eindruck, dass ein Sommerloch existiert?

Sobald eine kritische Anzahl von Journalisten am Strand ist, ziehen sich die Higgs-Teilchen in den Redaktionen zusammen; durch die Trägheit der verbliebenen Redakteure verringert sich schlagartig die Umlaufgeschwindigkeit der Nachrichten. Um eine Implosion des Systems durch refraktäre Informationsverschiebung zu verhindern, schalten die Zeitungen auf Autopilot um. Das redaktionelle Gedöns wird eingestellt, und die zu anderer Zeit manchmal verbrämten Elemente der vorherrschenden Ideologie werden hochdosiert in das Bewusstsein der Leser gebeamt. In der reinsten Form würde das so klingen: »Ihr müsst Israel, die USA und die Republikaner hassen – Islamisten hingegen könnt ihr vertrauen.« So kann man die Ware natürlich noch nicht an den Mann bringen, darum gibt es in den Nachrichtenagenturen und Redaktionen Anlagen, in denen dieser ideologische Grundstoff zu unzähligen Artikeln aufbereitet wird. Sie arbeiten so ähnlich wie die Maschinen zur Herstellung von Zuckerwatte: Aus wenigen Gramm der immer gleichen Substanz wird eine klebrige Masse mit dem tausendfachen Volumen. Weiterlesen

Advocatus Grassi

Der arme Günter Grass! Nicht genug damit, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien über ihn hergefallen sind – jetzt hat Israel, das der Dichterdenker doch zu seinen besten Freunden zählt, auch noch ein Einreiseverbot gegen ihn ausgesprochen. Dabei hat Grass sich in Wahrheit sogar um die Sicherheit des jüdischen Staates verdient gemacht.

Wenn man seine Gedanken schweifen lässt, kommen einem manchmal die komischsten Ideen. Wie wäre es, habe ich mich gefragt, wenn ich vor einem imaginären moralischen Gericht das absolut Böse zu verteidigen hätte? Ich wäre zum Rechtsbeistand von Günter Grass (also zum Advocatus Grassi) bestimmt worden, dem Lübecker Scheusal, das selbst so gern Richter spielt. Angeklagt ist er in diesem Prozess glücklicherweise nicht dafür, ein schlechter Schriftsteller zu sein (das würde die Sache der Verteidigung extrem schwierig machen, denn der Tatort ist mit Spuren übersät); die ihm zur Last gelegten Tatbestände lauten vielmehr: Lüge und Scheinheiligkeit in einem besonders schweren Fall, Geschichtsklitterung und Anstachelung zum Antisemitismus. Die Beweislast ist erdrückend. Jeder andere hätte abgelehnt, doch mich reizen die völlig aussichtslosen Fälle. Als Anwalt hat man dabei nichts zu verlieren, denn die Erwartungen sind sehr niedrig; geht es schlecht aus, gibt einem niemand die Schuld. Hat man jedoch einen Erfolg – und der kann schon in einer Strafe bestehen, die geringer ausfällt als befürchtet –, erntet man Bewunderung. Weiterlesen

„Wir sind gut beraten, die Ruhe zu bewahren“ – Israel und der „Arabische Frühling“

„Würde das Assad-Regime fallen, wäre das zweifellos ein schwerer, vielleicht tödlicher Schlag für die Allianz aus Iran und Hisbollah, und würde Israel zum Vorteil gereichen“, urteilt der Publizist Jonathan Spyer, der die israelische Zurückhaltung gegenüber dem „arabischen Frühling“ befürwortet und der Ansicht ist, daß der jüdische Staat „im Angesicht von Umbrüchen bei seinen Nachbarn gut beraten ist, Ruhe zu bewahren, sorgfältig zu beobachten, was passiert, und daraus besonnene und vernünftige Schlüsse zu ziehen“. Spyer ging 1991 von Großbritannien nach Israel; er ist Forschungsbeauftragter des Global Research in International Affairs Center in Herzliya, Israel, und schreibt unter anderem für die „Jerusalem Post“, den „Guardian“, „Haaretz“, „The Times“ und eine Reihe von Fachzeitschriften. 1992/93 und im Libanonkrieg 2006 kämpfte er in den Reihen der israelischen Armee.

Sie sind 1991 nach Israel gekommen. Worin unterscheidet sich das heutige Israel von dem Land, das sie vor 20 Jahren erlebt haben?  

Es ist ökonomisch viel stärker entwickelt. Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich der Hightech- und der Gentechniksektor entwickelt haben, was die israelische Wirtschaft transformiert hat. Das ist immer noch im Gange und beeinflußt auch die Kultur. Israel ist heute gegenüber dem Westen und der übrigen Welt viel offener und in vielerlei Hinsicht fortschrittlicher. Das ist eine wesentliche Veränderung.

Eine andere, oberflächlicher, aber nicht weniger wichtig, betrifft die Politik. 1991 war Israel politisch tief gespalten, entlang der altbekannten Gräben: Auf der einen Seite die Israelis, die für territoriale Zugeständnisse an die Palästinenser waren, weil sie dachten, daß sie Frieden bringen würden; auf der anderen Seite die, die diese Idee abgelehnt haben. Heute, zwanzig Jahre später, ist dieser Graben viel kleiner, aufgrund der Erfahrungen der Jahre des Friedensprozesses, des Scheiterns dieses Prozesses und der Konfliktjahre, die darauf folgten. Das bedeutet, daß es einen losen Konsens in der Mitte der Gesellschaft gibt, der sowohl den Glauben an das Prinzip von territorialen Zugeständnissen umfaßt als auch Skepsis im Hinblick darauf, ob sie tatsächlich zu Frieden führen werden, und den Verdacht, daß es auf der anderen Seite keinen Partner für Frieden gibt. Dieser lose Konsens in der Mitte ist etwas Neues. Das sind zwei offensichtliche und bedeutsame Prozesse, die in den letzten zwanzig Jahren in Israel stattgefunden haben. Es gibt noch einen dritten. 1991 war der Kalte Krieg gerade beendet; seitdem sind eine Million neuer Israelis aus Rußland gekommen, um hier zu leben. Diese eine Million sehr gut ausgebildeter und hochmotivierter Menschen hatte einen verjüngenden Effekt auf Israel. Es ist kein Zufall, daß ihre Einwanderung zeitlich zusammenfiel mit dem Aufstieg der Hightech-Industrie. Diese Menschen haben es Israel ermöglicht, voll von der Entwicklung dieses Sektors zu profitieren, der für das Land heute so wichtig ist. Weiterlesen

„Arabischer Frühling“ in Libyen

Europas Politiker, Journalisten und Intellektuelle lieben Diktatoren, die vom Volk gefürchtet werden und für Ruhe sorgen können. Entgleitet ihnen die Kontrolle, haben sie versagt und werden verachtet. Hosni Mubarak regierte Ägypten fast 30 Jahre lang im Ausnahmezustand. Vier Wochen vor seinem Sturz wurde er in deutschen Zeitungen erstmals „Diktator“ genannt. Daß Außenminister Westerwelle ihn im Mai 2010 als Mann von „großer Weisheit“ gepriesen hatte, der „die Zukunft fest im Blick“ habe (s. KONKRET 7/10), war seinerzeit kaum jemandem eine Bemerkung wert; sieben Monate später wurde er deshalb verspottet – weil er auf einen Schwächling gesetzt hatte. Die Partei des ehemaligen tunesischen Diktators Ben Ali war über 20 Jahre lang Mitglied der Sozialistischen Internationale. Vier Tage nach Ben Alis Sturz wurde sie ausgeschlossen – gegenüber Versagern ist die Sozialistische Internationale so unerbittlich wie die Cosa Nostra.

Die aber, die ihre Gegner im stillen abmurksen, brauchen keine Kritik zu fürchten. Kaum vorstellbar, daß sich ein „Brennpunkt“ mit der Lage der Menschenrechte in Saudi-Arabien beschäftigt oder bei „Anne Will“ über die Vereinigten Arabischen Emirate debattiert wird. Helmut Schmidt traf sich zum Plausch mit Mobutu, Helmut Kohl ging mit Suharto angeln. Die Macht ist für das Ansehen des Diktators so wichtig wie die Stimme für den Sänger. Einen ehemaligen Sänger möchte niemand singen hören, mit einem Exdiktator läßt sich kein Politiker fotografieren. Da alle auf der Seite des Gewinners stehen wollen, liefert die Schwarmintelligenz der Journalisten brauchbare Hinweise darauf, wie stark die Position eines Diktators ist: Wird jemand, über den vorher nie ein böses Wort fiel, plötzlich geschmäht, dann wird er wahrscheinlich bald seine Macht verlieren. Bei Gaddafi war die Sache zu Redaktionsschluß noch ungewiß: Seine Massaker werden getadelt (niemand möchte sehen, wie die Wurst gemacht wird, lautet ein altes Diplomatenmotto), die Verdienste bei der Flüchtlingsabwehr gelobt, vor aktiver Parteinahme in diesem Konflikt gewarnt. Weiterlesen

Für ein paar Fränkli mehr

Früher war es in königlichen Familien Sitte, Prügelknaben in Dienst zu nehmen, welche die Ehre hatten, auf ihren profanen Rücken eine angemessene Strafe entgegenzunehmen, wenn sich einer der Sprösslinge aus königlichem Geblüt einen Verstoß gegen die Regeln des guten Benehmens erlaubt hatte. Das moderne politische System in Europa führt diese Praxis in gewissem Grade fort durch die Schaffung kleiner Pufferstaaten, welche bei inneren Streitigkeiten, durch die die Harmonie des „Gleichgewichts der Kräfte“ gestört werden kann, zum Sündenbock gemacht werden … Ein solcher Sündenbock oder Prügelknabe ist Griechenland – dieselbe Rolle spielen Belgien und die Schweiz. Der einzige Unterschied besteht darin, daß diese modernen politischen Sündenböcke infolge ihrer anomalen Lebensverhältnisse selten die Strafen nicht verdienen, mit denen sie beehrt werden.

Friedrich Engels: „Die politische Lage der schweizerischen Republik“ (1853)

Ressentiments gegen Schweizer sind so ausgeprägt und verbreitet, daß man mit einigem Recht von einem grassierenden Antihelvetismus sprechen kann. Die ehemalige französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal unterstellte den Schweizern „raubtierhafte Praktiken“, der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück drohte ihnen mit der „Kavallerie“. Der libysche Diktator Gaddafi rief unlängst zum „Dschihad“ gegen die Schweiz auf, sein Sohn soll gar gesagt haben: „Ich würde die Schweiz auslöschen, hätte ich eine Atombombe.“ Weiterlesen