Wer erfand den Keynesianismus?

„Wir sind jetzt alle Keynesianer“, schrieb der amerikanische Ökonom Milton Friedman 1965. Der Satz wird heute so häufig zitiert wie nie zuvor. Wie aber ist die Idee, dass der Staat während einer Rezession mehr Geld ausgeben solle, um die Konjunktur „anzukurbeln“, eigentlich in die Welt gekommen? Darüber kursieren viele Missverständnisse. Allgemein bekannt ist, dass es mit der US-Wirtschaft nach dem Börsencrash von Oktober 1929 bergab ging. Dann aber fangen die Irrtümer an: Der damalige republikanische US-Präsident Hoover habe durch seine Sparpolitik die Depression herbeigeführt, glaubt mit vielen anderen der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Erst Franklin D. Roosevelt habe nach seinem Wahlsieg 1932 das Steuer herumgerissen und eine Politik staatlicher Defizite eingeleitet. Soweit der Mythos. Die wirkliche Geschichte verlief anders. Hoover war kein „Sparer“, sondern müsste als der eigentliche Initiator der später als „New Deal“ bekannt gewordenen Politik staatlicher Ausgabenprogramme gelten: Zu Beginn seiner vierjährigen Amtszeit betrugen die Staatsschulden 20 Prozent des Bruttosozialprodukts, am Ende waren es 40 Prozent. (Roosevelt warf Hoover deshalb im Wahlkampf 1932 vor, die Ausgaben seien außer Kontrolle geraten; sein Vizepräsidentschaftskandidat Garner sah das Land gar auf dem Weg zum Sozialismus).

Noch größer ist die Kluft zwischen Wahrheit und Fiktion, wenn zuweilen behauptet wird, die von den USA in den dreißiger Jahren verfolgte Wirtschaftspolitik sei von dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes beeinflusst gewesen. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil dessen Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes ja erst 1936 erschien. Die Ideen, die wir heute als Keynesianismus bezeichnen, waren in den USA zwar tatsächlich schon Ende der zwanziger Jahre virulent – verbreitet wurden sie aber nicht von Keynes, sondern von den amerikanischen Publizisten Waddill Catchings (1879-1967) und William Trufant Foster (1879-1950).

Daß sie heute vergessen sind, mag daran liegen, dass sie keine ausgebildeten Ökonomen waren. Catchings war Jurist und Bankier und hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg einen Namen als geschickter Sanierer von bankrotten Konzernen gemacht. Tätigkeiten in der Stahl-, der Elektro- und der Autoindustrie gaben ihm Einblicke in viele Bereiche des Wirtschaftslebens. Angeregt durch die Depression von 1920 begann er, sich mit Konjunkturzyklen zu beschäftigen und gründete die Pollak Foundation for Economic Research. Er wollte erforschen, „wie die Industrie so organisiert und ihre Produkte so verteilt werden können, daß die Bevölkerung den größtmöglichen Nutzen daraus zieht“. Catchings verfügte über großen Antrieb, Scharfsinn und auch viel Geld, es fehlte ihm allerdings literarisches Talent. Das hatte sein Freund Foster, mit dem er zur Jahrhundertwende in Harvard studiert hatte.

1925 veröffentlichten sie das Buch Profits. „Warum“, fragten sie im Vorwort, „ist es der Bevölkerung in ihrer Eigenschaft als Konsument nicht möglich, die Güter zu erwerben und zu genießen, die sie als Produzent fähig und willens ist zu produzieren?“ Der Gedanke war nicht neu. Die als Unterkonsumtionstheorie bezeichnete Idee, dass Krisen dadurch entstünden, dass mehr produziert werde als die Bevölkerung mit ihrem Geld kaufen könne, ist mindestens 400 Jahre alt. Auf ihrer Basis entwickelte Anfang des 19. Jahrhunderts der Engländer Thomas Malthus (1766-1834) seine ökonomischen Anschauungen. Die gegenteilige Auffassung, die auf den französischen Ökonomen Jean-Baptiste Say (1767–1832) zurückgeht, besagt, dass es in einer freien Marktwirtschaft niemals eine allgemeine Überproduktion geben könne, da Wirtschaft ein Tausch von Gütern gegen Güter sei (selbst dann, wenn Geld als Austauschmittel eingesetzt wird) und jede neue Produktion deshalb auch neue Nachfrage schaffe.

Die sei aber nicht immer ausreichend, meinten Foster und Catchings. Sowohl Firmen als auch Privatleute müssten Ersparnisse anlegen, dadurch würden sie einen Mangel an Konsum herbeiführen, der, wenn er nicht anderweitig ausgeglichen werde, eine Depression nach sich ziehe. Die Lösung des Problems präsentierten sie 1928 auf 200 Seiten in Form eines fiktionalen Textes. Ein idealistischer Abgeordneter, ein kluger Geschäftsmann, ein vorwitziger Seidenwarenfabrikant, ein bornierter Ökonomieprofessor und ein Menschenfreund diskutieren während einer Eisenbahnfahrt die Ursache von Depressionen und kommen, da ihnen keine andere Erklärung einfällt, schnell auf fehlende Nachfrage. Dagegen lässt sich etwas tun. Auf Seite 175 kann sogar der bis dahin mit allerlei Einwänden auftrumpfende Professor davon überzeugt werden, „dass es einen Weg zum Überfluss gibt“, zwanzig Seiten später gibt der Geschäftsmann die Anweisung für die Politik: Wasserstraßen, Häfen, Staatsstraßen, Parkanlagen und Dämme bauen. Die dafür aufzunehmenden Schulden schuldeten die Bürger ja nur „sich selbst“. Zwangsweise müßige Arbeiter und stillstehende Fabriken wären viel schlimmer. Soweit die Theorie. Die praktische Anwendung folgte prompt. Am 6. November 1928 wurde Herbert Hoover zum Präsidenten gewählt. Zwei Wochen später stellte Ralph Brewster, der Gouverneur von Maine, den von Catchings und Foster ersonnenen Plan bei einer Gouverneurskonferenz in New Jersey vor. Dies sei sein Konzept für dauerhaftes Wirtschaftswachstum und die „Abschaffung der Armut“, verkündete Hoover und gab ihm den Namen „Jobreserve“. Schon vor den ersten Anzeichen eines Wirtschaftsabschwungs sollten die Bundesstaaten einen Fonds von drei Milliarden Dollar anlegen und einen Katalog, der aufführt, welche staatlich finanzierten (Bau-)Arbeiten im Falle eines Abschwungs in Gang gesetzt werden sollten. Die Mittel sollten dann zur Verfügung gestellt werden, wenn die vom Staat zu erstellenden Indizes eine Abschwächung der Konjunktur anzeigten – genau so, wie Catchings und Foster es in ihrem Buch vorgeschlagen hatten.

Als Roosevelt 1933 sein Amt antrat, hatten die USA also einen Teil des Weges, der zum Überfluss führen sollte, bereits zurückgelegt. Auch in der neuen Administration hatten Catchings und Foster Anhänger – obwohl Roosevelt noch 1928 in sein Exemplar von Road to Plenty die Notiz geschrieben hatte: „Zu schön, um wahr zu sein. Man kann nicht etwas für nichts erlangen.“ Doch Zeiten und Menschen ändern sich. Zu einem der wichtigsten Ingenieure von Roosevelts New Deal wurde Notenbankchef Mariner Eccles. In seinen Memoiren schrieb Eccles später, dass ihm klar geworden sei, dass es nur „einen einzigen Weg gab, um aus der Depression herauszukommen: durch staatliches Handeln, das Kaufkraft in die Hände derer brachte, die sie benötigten“. Wie Eccles´ Biograph Sidney Hyman schreibt, habe sich der konservativ erzogene Bankier und Mormone nur langsam mit dieser Idee angefreundet. Die gründliche Lektüre von Road to Plenty im Jahr 1931 habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. Und was war mit Keynes? Dessen Hauptwerk erschien erst 1936, acht Jahre nach Der Weg zum Überfluß. Anders als Foster und Catchings, die sich bemühten, schwierige Themen wie den Konjunkturzyklus für jeden verständlich zu machen (und dabei augenscheinlich Erfolg hatten, denn das Werk war ein Bestseller), richtete sich das Buch von Keynes ausdrücklich an Fachleute der Ökonomie. Bis heute wird es fast ausschließlich in Universitäten gelesen, und das, was in Fernsehtalkshows als Keynes´ Theorie dargestellt wird, geht in der Regel nicht über das hinaus, was Foster und Catchings schon 1928 sagten: When business begins to look rotten, more public spending.“

"Rheinischer Merkur", 17. Dezember 2009