Lost in Translation

Wie macht man hierzulande aus einem Terroristen einen Friedensbringer und aus einem Hetzer einen Pragmatiker? Ganz einfach: mit einer gehörigen Portion Doublethink und einer Prise Newspeak. Dabei gilt: Je weißer die Hamas und die Fatah gewaschen werden, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen.

»Simultan zwei gegensätzliche Vorstellungen im Bewusstsein zu haben und beide zu akzeptieren […]. Bewusst Lügen zu erzählen und wirklich an sie zu glauben, jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, sie dann aber, wenn es wieder notwendig ist, aus dem Vergessen heraufzuholen, für genau so lange, wie es nötig ist, um die Existenz der objektiven Wirklichkeit zu leugnen; gleichwohl aber die ganze Zeit eben jene Realität mit einzukalkulieren, die man leugnet“ – das ist das Doublethink in Oceania, dem totalitären Staat in George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four. Um »Gedankenverbrechen« vorzubeugen, gibt es in Oceania ferner das Newspeak – eine auf das für die Propaganda notwendige Vokabular reduzierte Sprache. Irgendein Leser des Romans hat einmal die beiden Wörter zum Begriff Doublespeak synthetisiert. Die Vokabel bürgerte sich ein, und seit 1974 verleiht der amerikanische National Council of Teachers of English jedes Jahr den »Doublespeak Award« an »öffentliche Redner, die sich eine Sprache angewöhnt haben, die irreführend, ausweichend, euphemistisch, verwirrend und egozentrisch ist«.

Gleich der zweite Träger des Preises war 1975 der PLO-Führer Jassir Arafat. Er erhielt ihn für die Aussage: »Wir wollen kein Volk zerstören. Eben weil wir Koexistenz befürworten, haben wir so viel Blut vergossen.« Als er 1991 nach dem Ende der Sowjetunion westliche Staaten anpumpen musste, um weiterhin an Geld und Waffen zu gelangen, gab Arafat dem Doublespeak eine neue Bedeutung. Von nun an hatte er zwei ganz verschiedene Meinungen, die er so säuberlich trennte wie der Deutsche seinen Müll. In englischsprachigen Interviews sprach er von »Koexistenz«, seine wahre Überzeugung – nämlich das Bestreben, Israel zu zerstören, »ganz Palästina« zu erobern und die Juden zu vertreiben – teilte er nur auf Arabisch mit. Das Risiko, dass einmal eine große westliche Rundfunkstation seine Hassreden übersetzen würde, hielt er realistischerweise für gering. Die westlichen Journalisten waren ja zum größten Teil seine Komplizen und Freunde; sie bewunderten den Terroristen, der Passagierflugzeuge entführen oder sprengen, Cafés, Busse und Pizzerien bombardieren und Leichtathleten ermorden ließ, den großen Führer, der den uneingeschränkten Krieg gegen Zivilisten zu seiner Politik gemacht hatte. Wenn es möglich war, sogar Arafat, der wie kein Zweiter für die Allgegenwart des politischen Terrorismus in der Welt verantwortlich gewesen ist, zu einem Friedensbringer umzudeuten, warum sollte es dann nicht immer gelingen? Weiterlesen

Der Israelisch-Arabische Konflikt in deutschen Schulbüchern

Wie wird der Israelisch-Arabische Konflikt in deutschen Schulbüchern dargestellt? Dieser Frage ist Gideon Böss nachgegangen. Er lebt als Publizist in Berlin und verfasst u.a. auf „Welt online“ den Blog „Böss in Berlin“.

Sie haben mehrere von deutschen Schulbuchverlagen vertriebene Darstellungen des israelisch-arabischen Konflikts untersucht. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Böss: Es gibt eine klare Rollenverteilung. Die Israelis sind Täter, die Palästinenser die Opfer. Während sich die Schulbücher darin überbieten, für die Zahl der Vertriebenen Araber Höchstzahlen zu nennen und dabei schon einmal, wie der Schroedel Verlag, auf die Zahl von einer Million kommen, – das Palästinensische Generalkonsulat Deutschland nennt die Zahl von knapp 700.000 -, werden die aus arabischen Ländern vertriebenen Juden gar nicht erst erwähnt. Palästinensischer Terror wird so gut es geht ignoriert, die Geiselnahme während der Olympischen Spiele von 1972 kommt in allen Büchern ohne Hinweis darauf aus, dass die israelischen Sportler getötet wurden. Und obwohl längst belegt ist, dass die Intifada II von Arafat geplant war, wird in jedem Buch den Israelis die Schuld daran gegeben, exemplarisch ist folgende Formulierung aus „Forum Geschichte 12“ von Cornelsen: „Anlass war ein Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Jerusalemer Tempelberg am 28.September 2000.“

Was sagen die Bücher über die Geschichte und Ideologie der Fatah oder der Hamas?

Böss: Wenig. Die Fatah erscheint als Organisation, welche sich schon seit lange um Frieden bemüht. In Westermanns „Horizonte 12“ wird sogar von der „eher weltlich-linksorientierten PLO“ gesprochen; die Hamas als radikale Kraft, die auch den bewaffneten Kampf fortführt. Dass die Hamas Israel und alle Juden vernichten will, wird dabei aber nicht erwähnt und auch die entsprechende Passage aus der Hamas-Charta wird nicht thematisiert, selbst wenn, wie bei Westermann, Teile dieser Charta abgebildet sind. Weiterlesen