Zombies im Sommerloch

Romney Kollage aus Zeitungsartikeln

Dass der Besuch des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in Großbritannien, Polen und Israel die Finsterlinge in deutschen Redaktionen fuchsteufelswild machen und all ihren Hass nach oben spülen würde, konnte man erwarten. Etwas überraschend war aber, dass, von einigen Nuancen abgesehen, alle den genau gleichen Text veröffentlichten – so, als wären sie Teil eines publizistischen Botnetzes. Schuld daran ist eine verbreitete Geisteskrankheit.

Das Phänomen des Sommerlochs erklärte man sich früher mit einer angeblich »nachrichtenarmen Zeit«. Dahinter stand der Glaube, dass das Leben von Mitte Juli bis Ende August stillsteht. Heute weiß man, dass das nicht stimmt. Die Erde dreht sich weiter, es ereignen sich täglich Katastrophen, Araber hören nicht auf, mit der Welt zu hadern, und Politiker schweigen auch im Urlaub nicht. Forschungen haben ferner bewiesen: Es gibt kein Wurmloch, durch das Nachrichten verschwinden könnten, die Masse bleibt also erhalten. Aber woher kommt dann der Eindruck, dass ein Sommerloch existiert?

Sobald eine kritische Anzahl von Journalisten am Strand ist, ziehen sich die Higgs-Teilchen in den Redaktionen zusammen; durch die Trägheit der verbliebenen Redakteure verringert sich schlagartig die Umlaufgeschwindigkeit der Nachrichten. Um eine Implosion des Systems durch refraktäre Informationsverschiebung zu verhindern, schalten die Zeitungen auf Autopilot um. Das redaktionelle Gedöns wird eingestellt, und die zu anderer Zeit manchmal verbrämten Elemente der vorherrschenden Ideologie werden hochdosiert in das Bewusstsein der Leser gebeamt. In der reinsten Form würde das so klingen: »Ihr müsst Israel, die USA und die Republikaner hassen – Islamisten hingegen könnt ihr vertrauen.« So kann man die Ware natürlich noch nicht an den Mann bringen, darum gibt es in den Nachrichtenagenturen und Redaktionen Anlagen, in denen dieser ideologische Grundstoff zu unzähligen Artikeln aufbereitet wird. Sie arbeiten so ähnlich wie die Maschinen zur Herstellung von Zuckerwatte: Aus wenigen Gramm der immer gleichen Substanz wird eine klebrige Masse mit dem tausendfachen Volumen. Weiterlesen

Von Ponzi zu Pilatus

Bankenunion – das Ende der Schuldenkrise?

Am 1. Januar 2013 wird die Welt das beginnende siebte Jahr der Schuldenkrise feiern. Weil sie der Meinung waren, daß sie nun lange genug gedauert habe, trafen sich Ende Juni die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel, um sie zu beenden. Zypern wurden Hilfen zugesichert, und die unter den Folgen des Immobilienbooms leidenden spanischen Banken bekommen hundert Milliarden Euro. Woher das Geld kommen soll, war zunächst nicht klar. Denn der „Europäische Stabilitätsmechanismus“ ESM – eine Art Geheime Europäische Staatsbank mit der Lizenz zu unbegrenzter Finanzspekulation – ist wegen anhängiger Verfassungsklagen noch nicht einsatzbereit, und beim bisherigen Notfonds EFSF können nur Staaten Hilfen beantragen, was die Regierung in Madrid aber nicht möchte. Da sich gezeigt hat, dass die Krisenländer den löchrigen Fässern im Tartaros gleichen, bei denen alles, was man in sie hineingießt, wieder herausfließt, wurde die Idee eines neuen Gefäßes ins Gespräch gebracht: die „Bankenunion“. Der Chef des Münchener IFO-Instituts Hans-Werner Sinn und 190 deutsche Ökonomen veröffentlichten umgehend einen Aufruf, in dem sie vor der „kollektiven Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems“ in Billionenhöhe warnten. In einem Gegenaufruf, der u.a. von der ehemaligen „Wirtschaftsweisen“ Beatrice Weder di Mauro unterzeichnet ist, plädieren 15 Kollegen hingegen für eine Bankenunion, die „den Zusammenhalt der Währungsunion sichern“ solle. Um zu verstehen, was sich diese Leute erhoffen, muß man sich ansehen, wie Banken und Staatsschulden zusammenhängen. Weiterlesen