Advocatus Grassi

Der arme Günter Grass! Nicht genug damit, dass die gleichgeschalteten deutschen Medien über ihn hergefallen sind – jetzt hat Israel, das der Dichterdenker doch zu seinen besten Freunden zählt, auch noch ein Einreiseverbot gegen ihn ausgesprochen. Dabei hat Grass sich in Wahrheit sogar um die Sicherheit des jüdischen Staates verdient gemacht.

Wenn man seine Gedanken schweifen lässt, kommen einem manchmal die komischsten Ideen. Wie wäre es, habe ich mich gefragt, wenn ich vor einem imaginären moralischen Gericht das absolut Böse zu verteidigen hätte? Ich wäre zum Rechtsbeistand von Günter Grass (also zum Advocatus Grassi) bestimmt worden, dem Lübecker Scheusal, das selbst so gern Richter spielt. Angeklagt ist er in diesem Prozess glücklicherweise nicht dafür, ein schlechter Schriftsteller zu sein (das würde die Sache der Verteidigung extrem schwierig machen, denn der Tatort ist mit Spuren übersät); die ihm zur Last gelegten Tatbestände lauten vielmehr: Lüge und Scheinheiligkeit in einem besonders schweren Fall, Geschichtsklitterung und Anstachelung zum Antisemitismus. Die Beweislast ist erdrückend. Jeder andere hätte abgelehnt, doch mich reizen die völlig aussichtslosen Fälle. Als Anwalt hat man dabei nichts zu verlieren, denn die Erwartungen sind sehr niedrig; geht es schlecht aus, gibt einem niemand die Schuld. Hat man jedoch einen Erfolg – und der kann schon in einer Strafe bestehen, die geringer ausfällt als befürchtet –, erntet man Bewunderung. Weiterlesen