Von Lehman nichts gelernt

200 Milliarden oder vielleicht sogar 400 Milliarden Euro? Europas Banken haben die Verluste aus der Finanzkrise noch längst nicht bereinigt und brauchen neues Kapital.

In der Euro-Krise geraten die europäischen Banken zunehmend in den Fokus. Besitzen sie genug Eigenkapital, oder sind die eingegangenen Risiken zu groß, um die Folgen – im schlimmsten Fall eine Staatspleite – alleine zu schultern? „Der Zustand des europäischen Bankensystems ist fragil“, sagt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Deutschland stehe dabei nicht viel besser da als andere Länder. „Die Probleme, die seit der Lehman-Pleite vor drei Jahren diskutiert werden, sind noch immer ungelöst.“

Ein Problem sind die zu großen Hebel, mit den die Banken am Markt agieren. Will heißen: Die Institute versuchen, mit wenig eigenem Geld möglichst große Summe zu bewegen. „Das Verhältnis von hartem Eigenkapital zur Gesamtbilanzsumme, ist mit drei Prozent viel zu niedrig“, sagt Schäfer.

Ein weiteres Problem sind die Fehlanreize, die durch die implizite staatliche Absicherung entstehen. „Die Konzentration im Bankensektor nimmt zu, die großen Institute werden immer größer“, sagt Schäfer. Die Großbanken können sich sicher sein: Im Zweifelsfall wird sie der Staat schon retten, um die Folgen für das gesamte System in Grenzen zu halten. Weiterlesen

„Wir sind gut beraten, die Ruhe zu bewahren“ – Israel und der „Arabische Frühling“

„Würde das Assad-Regime fallen, wäre das zweifellos ein schwerer, vielleicht tödlicher Schlag für die Allianz aus Iran und Hisbollah, und würde Israel zum Vorteil gereichen“, urteilt der Publizist Jonathan Spyer, der die israelische Zurückhaltung gegenüber dem „arabischen Frühling“ befürwortet und der Ansicht ist, daß der jüdische Staat „im Angesicht von Umbrüchen bei seinen Nachbarn gut beraten ist, Ruhe zu bewahren, sorgfältig zu beobachten, was passiert, und daraus besonnene und vernünftige Schlüsse zu ziehen“. Spyer ging 1991 von Großbritannien nach Israel; er ist Forschungsbeauftragter des Global Research in International Affairs Center in Herzliya, Israel, und schreibt unter anderem für die „Jerusalem Post“, den „Guardian“, „Haaretz“, „The Times“ und eine Reihe von Fachzeitschriften. 1992/93 und im Libanonkrieg 2006 kämpfte er in den Reihen der israelischen Armee.

Sie sind 1991 nach Israel gekommen. Worin unterscheidet sich das heutige Israel von dem Land, das sie vor 20 Jahren erlebt haben?  

Es ist ökonomisch viel stärker entwickelt. Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich der Hightech- und der Gentechniksektor entwickelt haben, was die israelische Wirtschaft transformiert hat. Das ist immer noch im Gange und beeinflußt auch die Kultur. Israel ist heute gegenüber dem Westen und der übrigen Welt viel offener und in vielerlei Hinsicht fortschrittlicher. Das ist eine wesentliche Veränderung.

Eine andere, oberflächlicher, aber nicht weniger wichtig, betrifft die Politik. 1991 war Israel politisch tief gespalten, entlang der altbekannten Gräben: Auf der einen Seite die Israelis, die für territoriale Zugeständnisse an die Palästinenser waren, weil sie dachten, daß sie Frieden bringen würden; auf der anderen Seite die, die diese Idee abgelehnt haben. Heute, zwanzig Jahre später, ist dieser Graben viel kleiner, aufgrund der Erfahrungen der Jahre des Friedensprozesses, des Scheiterns dieses Prozesses und der Konfliktjahre, die darauf folgten. Das bedeutet, daß es einen losen Konsens in der Mitte der Gesellschaft gibt, der sowohl den Glauben an das Prinzip von territorialen Zugeständnissen umfaßt als auch Skepsis im Hinblick darauf, ob sie tatsächlich zu Frieden führen werden, und den Verdacht, daß es auf der anderen Seite keinen Partner für Frieden gibt. Dieser lose Konsens in der Mitte ist etwas Neues. Das sind zwei offensichtliche und bedeutsame Prozesse, die in den letzten zwanzig Jahren in Israel stattgefunden haben. Es gibt noch einen dritten. 1991 war der Kalte Krieg gerade beendet; seitdem sind eine Million neuer Israelis aus Rußland gekommen, um hier zu leben. Diese eine Million sehr gut ausgebildeter und hochmotivierter Menschen hatte einen verjüngenden Effekt auf Israel. Es ist kein Zufall, daß ihre Einwanderung zeitlich zusammenfiel mit dem Aufstieg der Hightech-Industrie. Diese Menschen haben es Israel ermöglicht, voll von der Entwicklung dieses Sektors zu profitieren, der für das Land heute so wichtig ist. Weiterlesen

Antisemitismus in Norwegen – Interview mit Manfred Gerstenfeld

Sie sind der Meinung, daß die norwegische Gesellschaft „besessen“ sei von Israel – über das weit entfernte kleine Land werde dort viel mehr diskutiert als über das riesige Nachbarland Rußland. Warum, glauben Sie, ist das so?

Manfred Gerstenfeld: Norwegen wird von Leuten geführt, die soetwas wie Selbstkritik kaum kennen. Die fragen nicht: „Wer bin ich, was soll ich tun, was sind meine Werte?“ Ich habe in 20 westlichen Ländern gearbeitet und kann sagen: Viele norwegische Journalisten haben ein so tiefes Niveau, wie ich es sonst nirgendwo erlebt habe. Die Israel-Korrespondentin des norwegischen Staatsradios NRK hat mich mal interviewt und das Interview versehentlich gelöscht. Was tat sie? Sie hat 20 Sekunden aus einem Interview geklaut, das sie im Internet gefunden hat, meine Gedanken falsch neu erfunden and dann das von ihr Erfundene kritisiert. So etwas ist mir in keinem anderen Land passiert. Norwegens kommerzielles Fernsehen TV2 hat mich auch einmal befragt; ich habe gesagt, daß es in Norwegen wichtige Organisationen gibt, in denen man Pioniere des Antiisraelismus und Antisemitismus findet. Sie haben übersetzt: „Norwegen ist das antisemitischste Land in Europa.“ Dieses angebliche Zitat wurde von der norwegischen Presseagentur NTB aufgegriffen und zirkuliert seither in den Medien. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schlecht ein großer Teil der norwegischen Medien ist.

Wie kommt das?

Norwegen ist kein offenes Land, nahezu kein Ausländer spricht diese Sprache, und es gibt eine kleine oligarchische Elite, die fast alles kontrolliert. Die Norweger waren jahrhundertelang Bauern und Fischer …

… bis sie Öl gefunden haben.

Öl und Gas, ja. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Norwegen und Schweden. Schweden hat große internationale Unternehmen. Die schicken ihre Manager ins Ausland, wo sie eine gewisse Kultur des Kontakts mit der Außenwelt entwickeln. Das gibt es in Norwegen nicht. Norwegen kann sich gut gegen Kritik aus dem Ausland abschirmen. Weiterlesen