„Arabischer Frühling“ in Ägypten

Ein komischer Moment der ägyptischen Revolution (falls sie denn eine ist) war der Abend des 10. Februar: Stundenlang hatte das deutsche Fernsehen die Zuschauer auf eine kurzfristig anberaumte Ansprache des ägyptischen Präsidenten vorbereitet. Er werde „ganz sicher“ seinen Rücktritt erklären, kommentierten die Experten. Dann kam die Rede, wurde live übertragen und simultan übersetzt – und stellte sich schnell als der übliche Sermon heraus, den Präsidenten so von sich geben. Das wird vielleicht den Fachleuten (unter ihnen US-Generalstabschef Sami Eman und der für seine falschen Prognosen bekannte CIA), die noch nicht einmal vorhersehen können, was in den nächsten zehn Minuten passieren wird, gezeigt haben, wie riskant es ist, Prognosen über die nächsten Monate zu wagen. Es ist das Wesen von Revolutionen, daß sie nichtlineare Ereignisse mit unvorhersagbarem Ausgang sind. Der Geheimdienst des Schahs von Persien jagte bis zum Schluß die Linken, weil er einen kommunistischen Umsturz fürchtete; den Feind aus der anderen Richtung sah er nicht kommen.

Diejenigen, die die jetzigen Proteste begonnen haben – und dafür sehr gute Gründe haben, die zu erörtern hier nicht der Platz ist -, werden am Ende vielleicht nicht dieselben sein, die aus ihnen den Nutzen ziehen werden. Noch verwickelter wird die Angelegenheit dadurch, daß die Lager zwar verfeindet, aber nicht in jeder Hinsicht gegensätzlich sind: Diejenigen, die Mubaraks Diktatur bekämpfen, müssen nicht unbedingt Demokraten sein; und daß die Muslimbruderschaft antisemitisch ist und eine islamische Gesellschaft anstrebt, heißt nicht, daß Mubarak ein israelfreundlicher Laizist wäre. Was der Friedensvertrag mit Israel ihm bedeutet, erklärte er 1991 vor Kairoer Studenten:

Wir sahen uns dem intelligentesten Volk der Erde gegenüber – einem Volk, das die internationale Presse kontrolliert, die Weltwirtschaft und die Weltfinanzen. Es ist uns gelungen, die Juden zu zwingen zu tun, was wir wollen; wir erhielten all unser Land zurück, bis auf das letzte Sandkorn! Wir haben sie überlistet, und was haben wir ihnen im Gegenzug gegeben? Ein Stück Papier! … Wir waren scharfsinniger als das scharfsinnigste Volk der Welt! Es ist uns gelungen, ihre Schritte in jede Richtung zu behindern. Wir haben eine ausgetüftelte Maschine geschaffen, um den Kontakt mit den Juden auf ein Minimum zu beschränken. Wir haben bewiesen, daß der Friedensschluß mit Israel keine jüdische Kontrolle zur Folge haben muß und es keine Verpflichtung gibt, Beziehungen zu Israel über den Punkt hinaus aufzubauen, den wir wünschen.“ Weiterlesen